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epa09148739 Community organizer Malisha Smith (R) hugs a friend as people celebrate at the George Floyd Square after former Minneapolis Police Officer Derek Chauvin was found guilty on all counts in the death of George Floyd in Minneapolis, Minnesota, USA, 20 April 2021. Chauvin was found guilty on charges of second-degree murder, third-degree murder and second-degree manslaughter.  EPA/CRAIG LASSIG

Zwei Bürgerrechtsaktivistinnen umarmen sich nach dem Schuldspruch gegen Derek Chauvin. Bild: keystone

Analyse

Warum das George-Floyd-Urteil so wichtig ist

Der Schuldspruch gegen den Polizisten hat möglicherweise historische Folgen für die USA – und die Welt.



Als die 17-jährige Darnella Frazier am 25. Mai 2020 an einer Strassenecke in Minneapolis den Record-Knopf ihres Smartphones drückte, war sie sich den Folgen in keiner Weise bewusst. Sie wollte einzig festhalten, wie ein weisser Polizist einen schwarzen, gefesselten Mann zu Tode würgte. Ohnmächtig, etwas daran ändern zu können, wollte sie wenigstens den Vorfall dokumentieren und öffentlich machen.

Das beinahe 10-minütige Video ging bald viral. In Abwandlung einer bekannten Journalisten-Weisheit kann man in diesem Fall sagen: «Ein Video sagt mehr als tausend Worte.» Die kaltblütige Tat, die arrogante Fratze des Mörders – was hätte den nach wie vor grassierenden «systemischen Rassismus» in den USA besser illustrieren können?

FILE - This May 25, 2020, file image from a police body camera shows bystanders including Alyssa Funari, left filming, Charles McMillan, center left in light colored shorts, Christopher Martin center in gray, Donald Williams, center in black, Genevieve Hansen, fourth from right filming, Darnella Frazier, third from right filming, as former Minneapolis police officer Derek Chauvin was recorded pressing his knee on George Floyd's neck for several minutes in Minneapolis. To the prosecution, the witnesses who watched Floyd's body go still were regular people -- a firefighter, a mixed martial arts fighter, a high school student and her 9-year-old cousin in a T-shirt emblazoned with the word

Zufällige Passanten filmen den Mord an George Floyd. Bild: keystone

Nun ist der Prozess gegen den Mörder zu Ende und das Urteil gefällt. Der Polizist Derek Chauvin wurde in allen Anklagepunkten – Mord zweiten Grades und Totschlag – für schuldig befunden und muss wahrscheinlich für eine sehr lange Zeit hinter Gitter.

Das bedeutet mehr als dass die Familie von George Floyd Gerechtigkeit für den scheusslichen Mord an ihrem Angehörigen erhalten hat. Der Schuldspruch wird möglicherweise weitreichende Folgen für die amerikanische Gesellschaft haben. Nicht zufällig hat die Nation mit angehaltenem Atem auf dieses Urteil gewartet.

Die erste Reaktion ist denn auch ein kollektives Aufatmen. Das liberale Lager jubiliert. Eugene Robinson, schwarzer Kolumnist bei der «Washington Post», schreibt: «Chauvins Verurteilung ist eine gewaltige Erleichterung – und, hoffentlich, ein Neuanfang.»

Rashad Robinson, Präsident der Bewegung Color of Change, erklärt in der «New York Times»: «Wir werden ewig auf diesen Moment in der amerikanischen Geschichte zurückblicken. George Floyds Tod hat neue Energie für den Wandel erzeugt.»

Derrick Johnson, Präsident der schwarzen Bürgerrechts-Organisation N.A.A.C.P, spricht gar von einem «Selma-Moment». Was meint er damit?

FILE -  In this March 21, 1965 file photo, Martin Luther King, Jr. and his civil rights marchers cross the Edmund Pettus Bridge in Selma, Ala., heading for the capitol, Montgomery, during a five day, 50 mile walk to protest voting laws. The annual celebration of the Martin Luther King Jr. holiday in his hometown in Atlanta is calling for renewed dedication to nonviolence following a turbulent year. The slain civil rights leader's daughter, the Rev. Bernice King, said in an online church service Monday, Jan. 18, 2021, that physical violence and hateful speech are â??out of controlâ? in the aftermath of a divisive election followed by a deadly siege on the U.S. Capitol in Washington by supporters of President Donald Trump.  (AP Photo/File)

Martin Luther King führt den Protestzug über die Brücke in Selma. Bild: keystone

Selma ist eine Ortschaft im Bundesstaat Alabama. Am 15. September 1965 begann dort ein von Martin Luther King angeführter Protestzug in die Hauptstadt Montgomery. Beim Überqueren einer Brücke wurde dieser Protestmarsch von weissen Polizisten brutal niedergeknüppelt.

Selma wurde ein Symbol für die Bürgerrechtsbewegung in den 60-er Jahren. Diese gipfelte im Civil Rights Act, einem Gesetz, dass der De-facto-Apartheid in den USA ein Ende setzte und den Schwarzen ihre Bürgerrechte zurückgab.

Das Urteil gegen den Mörder von George Floyd fällt in eine Zeit, in der die Stimmung in den USA wieder einmal explosiv geworden ist. Das hat verschiedene Gründe:

Es ist offensichtlich geworden: Die USA brauchen eine Rundum-Erneuerung. Die Republikaner stemmen sich jedoch gegen jede Art von Reformen und verteidigen mit aller Macht die Privilegien der Weissen. Obskure Gesetze wie der Filibuster im Senat und überholte Wahlgesetze wie das Gerrymandering und das Electoral College helfen ihnen dabei.

Doch die Mauer der Republikaner beginnt zu bröckeln.

Der Schuldspruch gegen den Polizisten Chauvin ist daher mehr als überfällige Gerechtigkeit. Wie einst die brutale Polizeiaktion in Selma könnte er das Signal zu einem Aufbruch für längst überfällige Reformen der amerikanischen Gesellschaft werden. Darauf weist auch Vize-Präsidentin Kamala Harris hin:

epa09148567 US Vice President Kamala Harris (R) delivers remarks as US President Joe Biden (L) looks on, after former Minneapolis Police Department Police Officer Derek Chauvin was found guilty on all counts in the death of George Floyd, at the White House in Washington, DC, USA, 20 April 2021.  EPA/Doug Mills / POOL

Vize-Präsidentin Kamala Harris kommentiert das Urteil. Bild: keystone

«Die Wahrheit über die rassistisch bedingte Ungleichheit lautet: Es ist nicht bloss ein Problem der Schwarzen und der Farbigen. Es ist ein Problem für jede Amerikanerin und jeden Amerikaner. Es verhindert, dass wir das Versprechen auf Freiheit und Gerechtigkeit für alle einlösen können. Und es hält unsere Nation davon ab, unser ganzes Potenzial zu realisieren.»

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So feiert Minneapolis das Urteil zu George Floyds Tötung

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So feiert Minneapolis das Urteil zu George Floyds Tötung
quelle: keystone / justin lane
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