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Bildnummer: 04056145  Datum: 01.01.1988  Copyright: imago/Granata Images
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Nie war er besser: Maradona jubelt im Trikot der SSC Napoli. Bild: imago/Granata Images

Diego Maradona war die Sonne, um die sich alles drehte

Er war einzigartig und kannte kein Mittelmass. Diego Armando Maradona lebte ein Leben der Extreme. Unserer Welt war er schon längst entwachsen, bevor er sich für immer schlafen legte. Ein Nachruf.



Für einige Jahre hatte ich das Glück, Tür an Tür mit Pablo zu leben. Mein argentinischer Ex-Nachbar macht die besten Empanadas der Welt und er liebt den Fussball über alles. Nie vergesse ich seinen ungläubigen, ehrfürchtigen Blick, als ich ihm eines Abends einen meiner grössten Schätze zeigte: Eine von Gott persönlich unterschriebene Autogrammkarte. Eine von Diego Armando Maradona. Eine heilige Reliquie für jeden Argentinier.

Autogramm Diego Maradona

Die noble Autogrammkarte, die 1987 für ein Benefizspiel für die Unicef in Tokio produziert wurde. Bild: Ralf Meile

Er habe ihn einige Male live spielen sehen, erzählte mir Pablo, ein glühender Anhänger der Boca Juniors. Eine Partie ragte aus allen anderen heraus: Pablo sah Maradona im WM-Final 1986, als er Argentinien im Aztekenstadion in Mexico City gegen Deutschland zum Triumph führte. Pablo war einer der 114'600 Zuschauer im riesigen Kessel und wenn er einst nicht mehr sein wird, dann wird er wohl im letzten Atemzug noch einmal davon erzählen.

Auf der Schnellspur durchs Lebens

Sein berühmtester Landsmann ist ihm nun vorausgegangen. Mit 60 Jahren hat Diego Maradonas Herz aufgehört zu schlagen. Viel zu früh, mag man einwenden. Doch Maradona hat in seinem aufregenden Leben mehr erlebt, als andere in 600 Jahren erleben würden. Kurz vor seinem 16. Geburtstag spielte er erstmals bei den Profis, nur vier Monate später absolvierte er bereits sein erstes Länderspiel. Von da an befand er sich auf der Überholspur, war kaum je einen Moment unbeobachtet. Wo immer er sich in den vergangenen 44 Jahren befand: Maradona war die Sonne, um die sich alles drehte.

Der Musiker Manu Chao widmete der Fussball-Ikone mit Bäuchlein ein wunderschönes, melancholisches Lied. Es beginnt mit den Worten: «Si yo fuera Maradona, viviría como él.» «Wenn ich Maradona wäre, würde ich leben wie er.» Doch würden wir das wirklich wollen? Maradona hatte alles, doch er bezahlte einen hohen Preis dafür. Er war nie alleine und vielleicht trotzdem einsam.

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Manu Chao: «Si yo fuera Maradona». Video: YouTube/morteza227

Unsterblich in Neapel

Wohl nirgends wird das so offensichtlich wie in den Aufnahmen, die Dokumentarfilmer Asif Kapadia zusammenmontiert hat. In seinem mitreissenden Werk «Diego Maradona» fokussiert er sich auf Maradonas Jahre beim Verein in Neapel. Verrückte Jahre. Erst geschieht das Unglaubliche und der Aussenseiter aus dem armen Süden Italiens verpflichtet für die Weltrekordsumme den besten Spieler der Welt. Und dann geschieht das noch Unglaublichere, als Maradona die SSC Napoli 1987 und 1990 zu den bis heute einzigen Meistertiteln führt.

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Die Feier muss gewaltig sein: Napoli holt den Scudetto. Video: YouTube/Archivo Histórico RTA

Immer noch singen sie im Stadio San Paolo davon, wie sie ihm beim Fussballspielen zugeschaut haben. Auch jene, die noch gar nicht auf der Welt waren, singen voller Stolz: «O mamma mamma mamma, o mamma mamma mamma, sai perché mi batte il corazon? Ho visto Maradona, ho visto Maradona, eh, mammà, innamorato son.» Mama, weisst du warum mein Herz höher schlägt? Ich habe Maradona gesehen und, Mama, ich bin verliebt.

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Mitspieler und Fans singen, dass sie Maradona gesehen und sich in ihn verliebt haben. Video: YouTube/Vito Panzella

Der Triumph über die Grossklubs im Norden machte den Sportler in Neapel unsterblich. Bis heute verkaufen Strassenhändler Trikots von ihm, bis heute ist sein Konterfei auf riesigen Wandgemälden zu sehen. «Diego hat unser Volk zum Träumen gebracht, er befreite den Verein Neapel mit seiner Genialität», sagte Bürgermeister Luigi de Magistris über den Ehrenbürger der Stadt. «Diego, Neapolitaner und Argentinier, du hast uns Freude und Glück geschenkt. Neapel liebt dich.»

 Photo Alessandro Garofalo/LaPresse November 25, 2020 Naples, Italy news Spanish Quarters fans flocked to Diego Armando Maradona s mural after learning the news of his death PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xAlessandroxGarofalo/LaPressex

Wenige Stunden nach der Nachricht von Maradonas Tod gedenken Neapolitaner ihrer Ikone. Bild: www.imago-images.de

Nach dem Hoch der tiefe Absturz

Aber spätestens in Neapel, auch das zeigt Kapadias Film eindrücklich, lernt Diego Maradona auch seine dunkle Seite kennen. Immer häufiger flüchtet er vor dem pausenlosen Trubel, der um ihn herrscht, in die Welt der Drogen. Er gerät in die Fänge der Mafia, feiert rauschende Partys, betrügt seine langjährige Freundin und spätere Ehefrau Claudia.

Dass der FC Wettingen Maradona und Co. im Herbst 1989 im Hinspiel des UEFA-Cup-Duells ein 0:0 abtrotzte, ist in der Klubhistorie der Aargauer ein wesentlich bedeutenderer Eintrag als im Leben des Superstars. Die Partie fand im Letzigrund statt und auch im anderen Zürcher Stadion, dem Hardturm, kickte Maradona: Bei einem Testspiel zwischen Argentinien und Italien. Was nur wenige wissen: Vor der WM 1990 trugen die «Gauchos» im Lachenstadion ein Testspiel gegen den FC Thun aus. Das Resultat hat Thuns damaliger Trainer Martin Trümpler nicht mehr im Kopf, es setzte eine Niederlage ab. Doch er weiss noch ganz genau: «Maradona hat die ganze Partie gespielt, ohne sich die Schuhe zu binden.»

Diese Weltmeisterschaft 1990 wird zu einem Wendepunkt. Es ist eine fiese Laune des Fussballgotts, dass ausgerechnet in Neapel der Halbfinal zwischen Gastgeber Italien und Titelverteidiger Argentinien stattfindet. Die Stadt ist im Zwiespalt: Einerseits liegt sie Maradona zu Füssen und wird vom Norden des Landes mit selbigen getreten.

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Der Trailer zum Dokumentarfilm von Asif Kapadia. Video: YouTube/HBO

Andererseits sind Neapolitaner trotz allem immer noch Italiener. Dass Maradona, in der Hoffnung auf Unterstützung, behauptet, Neapel gehöre nicht zu Italien, wird ein Eigentor. Denn nun sind die Sympathien des Publikums erst recht auf Seiten der Squadra Azzurra. Dass ausgerechnet Diego Maradona im Penaltyschiessen den letzten Versuch verwandelt und Italiens Titelträume platzen lässt, verzeihen sie ihrem Idol nicht.

Flucht in die Heimat

Bleiben ihm zumindest die Napoli-Tifosi treu, so ist Maradona im Rest Italiens eine Hassfigur. Noch regelmässigerer Kokainkonsum ist die Folge und damit einhergehend schwächere Leistungen auf dem Platz. Der Fussballstar verliert zunehmend an Rückhalt und wird nun auch nicht mehr von den Mächtigen geschützt. Dopingproben verschwinden nun nicht mehr wie von Zauberhand, Maradona bleibt in einer Kontrolle hängen und wird für 15 Monate gesperrt. Beinahe gleichzeitig kassiert er in Italien eine Freiheitsstrafe von 14 Monaten auf Bewährung; er zieht zurück nach Argentinien.

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In Neapel bleibt der Kleine der Allergrösste: Aufnahmen eines Maradona-Besuchs im Jahr 2005. Video: YouTube/TheBiscuitTin

Auch wenn er noch bis 1997 weiterspielte, so war Maradonas Karriere im Grunde genommen im Frühling 1991 vorbei. Seinen letzten grossen Auftritt hatte er an der WM 1994, als er im Auftaktmatch gegen Griechenland beim 4:0 brillierte und einen Treffer erzielte. Doch auf Licht folgte Schatten: Nach dem zweiten Spiel wurden in einer Urinprobe verbotene Substanzen gefunden. Maradona wurde von der WM ausgeschlossen und erneut lange gesperrt.

Fortan wurde aus dem genialen Spielmacher immer mehr eine tragische Figur. Maradona ging auf wie ein Heissluftballon und konnte die Finger weiterhin nicht von den Drogen lassen. Er war erst 39 Jahre alt, als sein Leben nach einem schweren Herzinfarkt ein erstes Mal an einem seidenen Faden hing. Seither war die Schlagzeile, dass Maradona im Spital sei, ein trauriger Evergreen. Immerhin verlor er den Humor nicht. Als er einmal aus einer psychiatrischen Klinik entlassen wurde, soll er gesagt haben: «Hier gibt es einen, der sich für Napoleon hält, und einen, der meint, er sei Robinson Crusoe, aber mir glauben sie nicht, dass ich Maradona bin.»

Zurück bei der «Albiceleste»

Doch Maradona war eben auch ein 1,65 m grosses Stehaufmännchen. Der Sportler begab sich auf Einladung von Fidel Castro für ein halbes Jahr in eine Entziehungskur auf Kuba. Den kubanischen Revolutionsführer pries er als «zweiten Vater», der ihm die Türe geöffnet habe, während Argentinien sie geschlossen habe. Castro und Maradona wurden Freunde.

(110724) -- HAVANA, July 24, 2011 (Xinhua) -- Former Cuban leader Fidel Castro (C) and Venezuelan President Hugo Chavez (R) meets with Argentine soccer star Diego Maradona in Havana, Cuba, in this handout photo taken on July 23, 2011. (Xinhua/Estudios Revolucion) (nxl) CUBA-HAVANA-CASTRO-CHAVEZ-MARADONA-MEETING PUBLICATIONxNOTxINxCHN

110724 Havana July 24 2011 XINHUA Former Cuban Leader Fidel Castro C and Venezuelan President Hugo Chavez r Meets With Argentine Soccer Star Diego Maradona in Havana Cuba in This handout Photo Taken ON July 23 2011 XINHUA Estudios Revolucion nxl Cuba Havana Castro Chavez Maradona Meeting PUBLICATIONxNOTxINxCHN

Maradona und Castro, dessen Konterfei sich der Fussballer auf die linke Wade tätowieren liess. Bild: imago stock&people

Aber auch in der Heimat galt der Prophet nach wie vor viel. 2008 wurde Maradona überraschend Nationaltrainer. Er bejubelte einen dramatischen Sieg, indem er bäuchlings über den nassen Rasen rutschte und er sagte den Reportern fadengerade, sie könnten ihm alle den Schwanz lutschen, als er die WM-Qualifikation doch noch geschafft hatte. Maradona war wie immer: unberechenbar.

Under pouring rain, Argentina's coach Diego Maradona celebrates at the end of a 2010 World Cup qualifying soccer match against Peru in Buenos Aires, Saturday, Oct. 10, 2009. Argentina won 2-1. (AP Photo/Rodrigo Nespolo, La Nacion) ARGENTINA OUT - NO USAR EN ARGENTINA

Kein Nationaltrainer wie jeder andere. Bild: AP LA NACION

Abstieg zur Witzfigur

Es war sein letzter ernstzunehmender Job im Fussballgeschäft. Mehr und mehr verkam der Mann, der als «D10S» vergöttert wird, zum Pausenclown. An der WM 2018 in Russland fingen die TV-Kameras Maradona auf der Tribüne ein. Mal schlief er, mal tanzte er, mal zeigte er den Mittelfinger. Es war wie bei einem Verkehrsunfall: Man wollte das alles gar nicht sehen, konnte aber nicht anders, als hinzuschauen. Aus dem vielleicht grössten Fussballer der Geschichte war eine bemitleidenswerte Witzfigur geworden.

Auch diese Momente werden in Erinnerung bleiben. Doch vielmehr werden sich die Menschen – in Neapel, in Argentinien, auf der ganzen Welt – daran erinnern, welch fabelhafter Fussballspieler dieser Diego Armando Maradona war. Der wunderschöne Pässe schlug. Der ein Dribbelkönig war. Der Freistösse an der Mauer vorbei in den Winkel zirkelte. Der beim Aufwärmen zum Opus-Hit «Live is Life» so virtuos jonglierte, dass selbst die Gegenspieler ihre Übungen unterbrachen, um staunend zuzusehen. Der in einem einzigen Spiel zwei der denkwürdigsten Tore der Fussball-Geschichte erzielte.

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Nie machte es mehr Spass, einem Fussballer beim Aufwärmen zuzusehen. Video: YouTube/Maradona inedito - Canal 2.0

Zwei Tore als Vermächtnis

Genie und Wahnsinn würden nahe beisammen liegen, heisst es. Am 22. Juni 1986 lagen im WM-Viertelfinal gegen England bloss vier Minuten dazwischen. Auf den Wahnsinn, Maradonas listiges Tor mit der «Hand Gottes», folgte ein Geniestreich: Mit einem monumentalen Solo über den halben Platz erzielte «El Pibe de Oro» («der Goldjunge») einen Treffer, der später zum schönsten WM-Tor der Geschichte gekürt wurde. Kein Spiel scheint besser geeignet zu sein, um Maradonas Lebensweg auf und neben dem Platz zu illustrieren.

FILE - In this June 29, 1986 file photo, Diego Maradona holds up his team's trophy after Argentina's 3-2 victory over West Germany at the World Cup final soccer match at Azteca Stadium in Mexico City. The Argentine soccer great who was among the best players ever and who led his country to the 1986 World Cup title before later struggling with cocaine use and obesity, died from a heart attack on Wednesday, Nov. 25, 2020, at his home in Buenos Aires. He was 60. (AP Photo/Carlo Fumagalli, File)
Diego Maradona

Eines der berühmtesten Sportbilder überhaupt: Maradona mit dem goldenen WM-Pokal. Bild: keystone

Meinen einstigen Nachbarn Pablo sehe ich nur noch selten. Wenn wir uns das nächste Mal über den Weg laufen, werden wir vermutlich beide feuchte Augen haben. Nicht nur aus Freude über das Wiedersehen.

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Diego Maradona ist tot – das Leben der «Hand Gottes» in Bildern

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