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Yonnihof

«Herr, es ist Zeit ...» – eine Liebeserklärung an den Herbst

Bild: shutterstock



Lieber Vater Herbst,  

du alter, gebeugter Mann im staubigen Mantel. Nun stapfst du wieder durch die Gassen, langsam und stetig. Niemand sieht dich kommen – alle sassen sie draussen, hielten die Nächte noch immer für lau, in ihren Getränken trieben noch Eis und Minze, aber da und dort sagten sie bereits: «Jetz isch aber schnäll chüehl worde» oder «Es wird scho wieder früehner dunkel ...»  

In diesen Momenten erhebst du dich zuhause von deinem Küchentisch mit der tief hängenden Lampe, steigst in die schweren, ledernen Stiefel und nimmst den Hut von der Garderobe, steigst langsam die knarrenden Stufen hinab und schliesst die Haustür hinter dir zweimal zu. Du wirst sie lange nicht öffnen.  

In deiner bedächtigen Art kommst du jedes Jahr zurück in unser Leben. Dein Mittelname ist Abschied. Von der Euphorie, von der Wärme; aber auch vom Lärm und von der beklemmenden Angst, etwas zu verpassen. Deine Begleiter sind der Nebel und der Regen und der Sturm, sie treiben uns nach drinnen, an den «Schärme», auf unsere Sofas, unter unsere Decken, in die Arme unserer Liebsten, jedoch auch in die Auseinandersetzung mit uns und der Tatsache, dass jedes Jahr die Welt vor unseren Augen stirbt und wir mit ihr – weniger langsam, vielleicht, doch genauso gewiss. Und ohne Frühling.  

Und so tun uns öfter die Herzen weh, wenn wir deine Schritte hören, lieber Vater Herbst. «Der Sommer war sehr gross». Nun sind da nicht mehr so viele Feste zu feiern und nicht mehr so viele Tänze zu tanzen und es riecht nicht mehr nach Kindheit, wenn Regen auf den Asphalt fällt. Dagegen wehren wir uns manchmal.  

Du findest das nicht gut und nicht schlecht, du bist einfach da.  

Deine Luft kitzelt uns mit ihrer feuchten Kälte in der Nase – manchmal riecht sie leicht nach reifen Äpfeln und Zimt – und wir kaufen uns Schals und Handschuhe und Schirme, die wir dann in Zügen und Restaurants und bei geliebten Menschen liegen lassen. Wir reiben uns die roten Hände, beginnen, unsere Finger wieder als «Chlüppli» zu bezeichnen, ziehen die Jacken bis ganz oben zu.  

Und du bist einfach weiter da.

In deinem abgewetzten, schweren Mantel und dem alten braunen Hut aus Filz setzt du dich ab und an auf eine Bank, weil dir die Knochen schmerzen, und lässt dir für einen Moment die Sonne auf deinen Nasenspitz scheinen, die zwar goldig ist, aber nicht mehr zu wärmen vermag. Dann erhebst du dich und ziehst weiter deine Runden durch die Gassen und durch unser Leben. Ganz langsam, ganz ruhig, hinter dir eine feine Spur aus Laub, als wäre sie Zufall.  

Und dann, irgendwann, wenn dir wie aus dem Nichts und ganz unerwartet die gute Dame Winter in ihrem schimmernden Kleid aus Eis begegnet und dich überschwänglich begrüsst, tippst du gegen deinen Hut, verneigst dich tief und gehst wortlos nach Hause.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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