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Yonnihof

Frau, 35 und NICHT Mutter

Die Autorin, 1982. Bild: privat

Warum ich manchmal glücklich bin, (noch) keine Kinder zu haben. Und manchmal überhaupt nicht.



Yonnihof Yonni Meyer

Wenn ich in der Vergangenheit eins gelernt habe, dann, dass es kein extremeres Trigger-Thema gibt als Kinder. Ich habe schon ganze Texte über komplett andere Themen geschrieben – wenn da nur ein Satz über Kinder drin steht, drehen sich die Diskussionen in den Kommentarspalten garantiert um diesen einen Satz.

Als Kinderlose darf man nicht über Kinder schreiben. Also, man darf schon, man wird’s einfach bereuen. Ich hab's mehrfach versucht. Auch wenn ich probierte, sehr differenziert zu sein, rüberzubringen, dass ich Kinder wahnsinnig gern habe – keine Chance. Am Ende gab's immer Streit. Jedes. Einzelne. Mal.

Und darum schreibe ich heute nicht über Kinder generell. Denn: Ich mag keinen Streit. Auch (oder gerade) für Klicks nicht. Ausserdem bin ich keine Expertin im Kinder-Haben. Ich bin jedoch Expertin in meiner eigenen Geschichte. Und die ist (bisher) diejenige einer Frau ohne Kinder.

Ich möchte mich hier also darauf beschränken, zu erzählen, wie es ist, wenn man als 35-Jährige keine Kinder hat. Meine Geschichte, meine Perspektive, kein Angriff auf diejenigen, die es anders handhaben.

Ganz ehrlich: Manchmal bin ich froh darüber, dass ich (noch) keine Kinder habe. Ich kann mich voll und ganz auf meine Karriere konzentrieren. Und ich liebe meine Karriere. Ich mag es auch, dass ich finanziell sehr gut dastehe im Moment. Ich kann reisen, was mir sehr wichtig ist. Ich kann mir da und dort Luxus gönnen. Ich bin komplett flexibel, kann im Ausgeh-Viertel wohnen, weggehen, das Leben geniessen … Und das ist gut so.

Aber dann ist da auch diese leise Melancholie. Ché Guevara schrieb, als er das erste Mal in Machu Picchu war: «¿Cómo es posible sentir nostalgia de un mundo que nunca conocí?» 

«Wie kann ich Nostalgie für eine Welt empfinden, die ich gar nie kennengelernt habe?»

Eine solche Melancholie, eine solche Nostalgie überkommt mich manchmal. Für ein Leben, das ich nie gelebt habe. Eine Art Wehmut über verpasste Chancen. Ich werde nie eine junge Mutter sein. Nie eine Frau, die ihre Jugendliebe geheiratet hat.

Das tut manchmal weh. So, wie es manchmal auch weh tut, wenn ich meine Freunde in ihrer Elternliebe aufgehen sehe. Die Freude für sie, also die Freunde, überwiegt. Bei weitem. Und doch weiss ich, dass ich diese Liebe auch in mir trage und dass ich sie gerne weitergeben würde. Irgendwann.

Und dann, wenn solche Momente da sind, dann bin ich von Herzen traurig, aufrichtig traurig, dann stehe ich auf, richte mein Krönchen, schaue ich in den Spiegel und weiss, dass mich meine bisherige Kinderlosigkeit eins gelehrt hat: Ich reiche aus. Für mich. Auch wenn ich es mir manchmal anders wünschen würde: Ich kann mit mir allein auskommen. Und ich weiss, dass das nicht selbstverständlich ist. Das kann nicht jede/r.

Ich bin dankbar, dass ich mir genüge.

Nebst der Melancholie über verpasste Chancen ist da nämlich auch Euphorie über gepackte. Über meine Ausbildung. Darüber, dass ich mich eben gerade nicht niedergelassen habe. Darüber, dass ich immer wieder aus meiner Komfortzone ausgebrochen bin. Darüber, dass ich Zeit hatte, mich kennen zu lernen, rauszufinden, wer ich bin. Dass ich die Welt gesehen habe. Dass ich jeden Tag im Beruf das mache, was ich am besten kann und am meisten will.

Darüber, dass ich nichts erzwungen habe.

Ich habe stets auf Beziehungen verzichtet, nur um eine Beziehung zu haben, auch wenn ich mich nach Liebe und Nähe sehnte. Und ich habe auf Kinder verzichtet, nur um Kinder zu haben, auch wenn ich mich danach sehnte, meine Liebe und Nähe weiterzugeben. Wenn ich eine Beziehung will, dann eine, die passt. Kein Mittel zum Zweck. Und die soll dann Grundlage für ein gemeinsames Kind sein. Mein Kind soll seinetwegen da sein, nicht (nur) meinetwegen.

Vielleicht ist also meine bisherige Kinderlosigkeit in Tat und Wahrheit ein Akt der Mutterliebe – für Kinder, die ich (noch) nicht habe.

Diesen Gedanken finde ich versöhnlich. Diesen Gedanken finde ich schön.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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