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Yonnihof

Weil da immer ein A*****loch sein wird …

Bild: shutterstock

Warum man sowohl potentielle Täter:innen als auch potentielle Opfer erziehen sollte.



Ich verstehe sie schon, die Reaktionen. Ein Opferschützer nimmt in einem Artikel der SonntagsZeitung (nur mit Abo lesbar) Stellung dazu, dass viele Frauen nachts Angst haben, allein unterwegs zu sein. Er tut dies nicht, indem er Tipps gibt, wie man übergriffiges Verhalten der Täterschaft systematisch minimieren kann, sondern vielmehr dahingehend, wie potentielle Opfer sich schützen können, u.a., man möge passende Schuhe tragen, weil rennen in High Heels kaum möglich sei.

Sowas ist frustrierend und ich finde auch, dass die Rhetorik in solchen Belangen geändert werden muss, damit deutlich wird, dass die Aufgabe, übergriffiges Verhalten zu minimieren, nicht auf den Schultern unverschuldeter Opfer lastet.

Übergriffe als Phänomen sind kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem. Ich finde weder das Abwälzen der Verantwortung aufs Opfer noch ausschliesslich auf die Täterschaft richtig. Ich rede hier natürlich nicht von der Verantwortung im einzelnen Fall, da gehört sie selbstverständlich der Täterschaft zugeschrieben, sondern von der Verantwortung dafür, wie oft und in welchem Ausmass Übergriffe noch immer auf allen Lebensebenen passieren.

Das Ganze ist Aufgabe von uns allen und es reicht nicht, zu sagen, «Aber ich mache sowas ja nicht…». Solche Muster sind tief in uns als Allgemeinheit verankert und sie beginnen nicht erst, wenn ein tatsächlicher Übergriff stattfindet, sondern schon viel früher, im Kleinen, vermeintlich Unbedeutenden. Indem man in der Schule einzelne Gspähnli ausschliesst. Indem man die jugendlichen Klassenkameraden wegen ihres Äusseren «föpplet» (was für ein herziges Wort für Mobbing). Indem man sich in der Gruppe zu wohl und zu stark fühlt und deshalb den Respekt an der Tür lässt. Und indem man vielleicht irgendwann etwas sagt oder tut, was das Gegenüber deutlich als Übergriff empfindet. All diese Dinge können schleichend passieren.

Und nicht nur sie selbst sind das Thema, sondern auch die Tatsache, dass alle anderen zuschauen und nicht eingreifen – sowohl Gleichaltrige wie auch Eltern und die gesamte Gesellschaft. Hier bräuchte es meines Erachtens viel früher Aufklärung. Schulfach «Zivilcourage», sozusagen. Ich denke, das passiert bereits in gewisser Form, man ist da heute schon viel aufmerksamer als früher. Ziel ist, das Entstehen der zukünftigen Täterschaft im Keim zu ersticken und das nicht nur zum Schutze eventueller Opfer, sondern auch zu demjenigen der potentiellen Täterschaft vor ihrer eigenen Entwicklung.

Nun komme ich aber zurück zum Anfang. Ich habe hier nun das aufgeführt, was man sich wünscht… Bzw. von dem man sich wünscht, es wäre die einzige Notwendigkeit: Täter:innen erziehen, respektive gar nicht erst entstehen lassen. Die Idealistin in mir hegt diesen Wunsch auch. Und nochmal: Ich finde, dass die Rhetorik zum Thema kernsaniert gehört und dass das Augenmerk viel intensiver darauf gerichtet werden soll, jungen (aber auch älteren Menschen) beizubringen, nicht übergriffig zu sein.

Nun ist es aber so, dass da draussen immer ein A****loch sein wird, das gegen all diese Massnahmen resistent ist. Und ich glaube, dass es trotz allem wichtig ist, dass man darauf vorbereitet ist, auf ebendieses A****loch zu treffen.

Ich wünsche mir im Herzen auch, dass es keine Velodiebe mehr gibt, trotzdem werde ich meinem Sohn beibringen, sein Fahrrad abzuschliessen. Und auch wenn ich mir wünsche, dass es da draussen keine Perversen mehr gibt, werde ich ihm beibringen, keine Nacktfotos zu verschicken, selbst wenn ihn einst sein hormondurchtränktes Teenagerhirn, sowie andere Körperteile, zum Gegenteil drängen.

Und ich werde ihm, so gut ich das kann, beibringen, kein Täter zu werden – aber eben auch kein Opfer. Dies einerseits rein deswegen, dass ihm und seinem Körper nichts passiert, aber andererseits auch deshalb, weil Abgrenzungsskills nicht nur in Übergriffs-, sondern auch in vielen anderen Bereichen wichtig und gut sind. Angriffe passieren nicht nur gegen die sexuelle oder die körperliche Integrität, sondern auch sonst im Alltag, wenn auch im viel kleineren Rahmen. Ein gesundes Selbstbewusstsein ist, so glaube ich, ein Fundament, welches einen in allen Lebensbereichen begleitet und stützt.

Das gilt übrigens auch für potentielle Täterschaften, die durch eine gesunde Auseinandersetzung mit sich selbst eventuell gar nicht zu ebensolchen werden.

Dass sich dieses Selbstbewusstsein (gerade bei jungen Menschen) nicht einfach herbeizaubern lässt, ist unbestritten. Und ich weiss auch, dass das, was ich hier schreibe, in gewissem Masse Wunschdenken ist. Aber das ist es auch, zu denken, dass es bald einfach keine Täter:innen mehr geben wird. Es ging mir hier darum, Vorschläge und Anregungen aufzuzeigen, die eben nicht «Kauft euch Pfefferspray» oder «Geht etwas schneller, das wirkt bestimmter» lauten.

Vielmehr ist das hier ein Appell an die Erwachsenen, genau hinzuschauen, zuzuhören und einzuschreiten, wenn Grenzen überschritten werden, auch im kleinen Rahmen.

Es ist ein Appell an potentielle Täterschaften. Nur, weil du gerne mal wieder deftig angemacht werden willst, will das dein Gegenüber vielleicht nicht. Nur, weil etwas für dich ein Kompliment ist, empfindet das dein Gegenüber eventuell anders. Nur, weil du «halt eher der körperliche Typ Mensch» bist, trittst du deinem Gegenüber womöglich gerade viel zu nah.

Es ist ein Appell an potentielle Opfer – und damit eigentlich an alle. Verbündet euch. Schaut aufeinander. Schafft Allianzen.

Und es ist vor allem ein Appell an uns Eltern. Wir entscheiden, ob das, was wir unseren Kindern mitgeben, ein Fundament oder eine Hypothek ist. Ich hoffe einst auf ein Wegkommen von der Dichotomie Täterschaft/Opfer, die, wie die Gesellschaft zeigt, klar mit Stärke und Schwäche assoziiert wird. Dabei kenne ich einige Opfer körperlicher und sexueller Übergriffe und sie gehören zu den stärksten Badasses, die mir je begegnet sind. Soweit sollte es aber nie kommen.

Ich wünsche mir, gerade, wenn es um unsere Kinder geht, einen Fokus auf Selbstwert, aber auch Selbstreflexion, das Setzen von eigenen und das Erkennen der Grenzen anderer, Respekt für sich und das Gegenüber.

Und dann halt eben doch noch eine kleine Prise Vorsicht.

Weil da immer noch dieses eine A*****loch sein wird …

Yonni Moreno Meyer

Yonni Moreno Meyer (39) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn (*2019) in Zürich.
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