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Yonnihof

Innerer Dialog – Heute: Swissness

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Yonnihof Yonni Meyer

Swissness: DER ZUG HAT SCHON VIER MINUTEN VERSPÄTUNG! VIER! VI-HÄR!  

Vernunft: So schlimm ist das doch nicht.  

Swissness: Nei sorry. Wofür habe ich extra das Tages-GA auf der Gemeinde geholt, hä? Ist das etwa gratis? Ich erwarte Service für dieses Geld. Gut, ich konnte mir die über drei Jahre im Supermarkt zusammengesammelten 41'500 Mega-Märkli-Punkte anrechnen lassen. So habe ich ganze 4,15 Franken gespart. Aber trotzdem.  

Vernunft: Der Zug kommt dann schon noch.  

Swissness: Woher weisst du das? Kams in der Durchsage? Nein, kams nicht! Und was nicht in der Durchsage kommt, ist nicht bewiesen. Wie sollen die Gruppen jetzt wissen, ob «im letzten Wagen im Sektor D Platz reserviert» ist?? Hä?? HÄ??  

Vernunft: Wow. Ganz ruhig.  

Swissness: ICH BIN RUHIIIIIG! Okay, vielleicht hats ja geschneit. Da verspätet sich so ein Zug schon mal. Ist schliesslich Anfang Februar, da kann man ja nicht mit Schnee rechnen. AH DOCH!!!  

Vernunft: ISS MAL ES SNICKERS!  

Swissness: Wir essen hier keine Snickers, wir essen Ovo Sport oder Farmer Stängel.  

--- Später ---  

Swissness: Wie kann man nur so langsam aussteigen? Wenn ich ganz nahe an die Tür ran stehe, gehts bestimmt schneller ...

Vernunft: Das macht doch keinen Unterschied, der Zug fährt ja nicht früher los, wenn wir etwas später einsteigen.  

Swissness: Ja, aber die Frau, die noch aussteigen wollte, als wir bereits einstiegen, so: «Mer laht d’Lüt imfall zerst usstiige!» Man muss ja nicht gleich aufmüpfig werden, nur weil die Leute einen guten Sitzplatz wollen.  

--- Im Zug ---  

Swissness: OH GOTT, in jedem Abteil sitzt schon jemand. Was tun wir jetzt? WAS TUN WIR JETZT??  

Vernunft: Uns hinsetzen?  

Swissness: Ich wiederhole: Da sitzt eine Person! IN JEDEM ABTEIL!!  

Vernunft: Eben, das bedeutet, dass drei Plätze pro Abteil noch frei sind ...  

Swissness: Das wissen wir ja nicht. Vielleicht sind die anderen drei ja gerade bei der Elvetino Mini-Bar und holen sich einen «Snack oder erfrischende Getränke». Wir müssen auf alle Fälle fragen, ob da noch frei ist. Wir dürfen nie nie nie nie vergessen, das zu fragen. Es ist so wichtig.  

Vernunft: Oder wir setzen uns einfach.  

Swissness: SPINNSCH EIGENTLICH?! So unhöflich. Da kann man ja auf der Rolltreppe auch grad links stehen ...          

--- Später ---  

Swissness: Aaaaaah, so schön, wir haben unseren eigenen Platz und unsere Michel-Jordi-Tasche auch.  

Vernunft: Gottlob bist du jetzt zufrieden. Wollen wir eine Cola vom Wägeli bestellen?  

Swissness: Gahts na?? Weisch wie tüür isch so eis? Öpe 12 Stutz. Nein, ich habe vorsorglich ein Elmer Citro aus dem Volg, einen Cervelat und ein Püürli mitgenommen.  

Vernunft: Aha. Und wie willst du das jetzt alles essen?  

Swissness: Oh mein Gott, bist du nicht auch im Gehirn zuhause? Mit dem Sackhegel, dänks! Ich habe am Kränzli damals 1994 nicht umsonst 25 Stutz für die Tombola ausgegeben. Steht sogar noch «PTT» drauf...

--- Später ---  

Swissness: Gsehsch. Der Mann, der sich grade hingesetzt hat, hat nicht mal gefragt, ob hier frei ist. So ungehobelt.  

Vernunft: Das ist doch komplett egal, es war ja frei dort.  

Swissness: Das konnte er aber nicht wissen. Das ist bestimmt ein Deutscher. Oder so einer (flüstert) aus der dritten Generation.  

Vernunft: Wir haben imfall Ja gestimmt zur erleichterten Einbürgerung.  

Swissness: WAS?! Ohne mich zu fragen? Ich bin hier schliesslich die Primärinstanz für Heimatgefühle und Einstellungen gegenüber burkatragenden Italienern.

Vernunft: Tja. Zu spät.

--- Später ---  

Swissness: So, wir sollten langsam aufstehen.  

Vernunft: Quatsch, es dauert noch ewig, bis wir ankommen.  

Swissness: Aber die Durchsage kam schon.  

Vernunft: Du kennst diese Strecke doch in- und auswendig. Wir sind noch mindestens vier Minuten vom Bahnhof entfernt.  

Swissness: Aber wenn wir jetzt nicht aufstehen, dann steht schon jemand anders als Erster an der Tür.  

Vernunft: Das ist doch egal. Wir habens ja nicht eilig ...  

Swissness: Das ist doch nicht der Punkt. Ich will zuerst aussteigen.  

Vernunft: Warum?  

Swissness: Damit ich den Leuten am Bahnhof sagen kann, dass MER D’LÜT IMFALL ZERST USSTIIGE LAHT!

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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