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Flirt mit Verfallsdatum – diese Dating-App ist so gruselig wie ihr «Black Mirror»-Vorbild

11.01.2019, 18:54
Elisabeth Kochan / watson.de

Sind wir nicht letztlich alle auf der Suche nach der grossen Liebe, die uns Hollywood und Co. glaubhaft machen wollen? Diejenigen, die sie noch nicht gefunden haben, haben heutzutage alle möglichen Gadgets zur Verfügung, um die Suche etwas zu vereinfachen: Dating-Apps und -Websites gibt es heute wie Sand am Meer. Und jetzt hat sich eine weitere dazugesellt – deren Inspiration aber alles andere als romantisch war, denn sie entstammt einer Episode der dystopischen Netflix-Serie «Black Mirror».

Genau genommen: «Hang the DJ», Staffel 4, Folge 4.

Frank und Amy in «Hang the DJ».
Frank und Amy in «Hang the DJ».
Bild: Netflix

Jede «Black Mirror»-Folge erzählt eine in sich abgeschlossene Handlung, und in «Hang the DJ» geht es um die Geschichte von Frank und Amy. Die werden über einen als «System» bezeichneten Algorithmus einander als Partner zugeordnet – jedoch unter der Vorgabe, nur zwölf Stunden miteinander verbringen zu dürfen, da jede Beziehung in dieser unwirklichen Welt ein Ablaufdatum verpasst bekommt. Sie trennen sich also planmässig, können einander jedoch nicht vergessen – und versprechen sich, als sie durch eine glückliche Fügung zum zweiten Mal vom System verkuppelt werden, nicht nachzusehen, wann sie diesmal «ablaufen».

Wie es weitergeht, möchten wir nicht verraten – aber das Konzept habt ihr verstanden: Jede Beziehung bekommt von einer künstlichen Intelligenz eine begrenzte Laufzeit zugeteilt. Und genau diese Idee hat der 24-jährige Programmierer Julian Alexander jetzt in der realen Welt umgesetzt, in Form einer Dating-App namens «Juliet», die dem Nutzer dabei helfen soll, den perfekten Partner zu finden.

Gestatten: Julian Alexander.

Bild: reddit

Der Programmierer erklärt seine App folgendermassen:

«Meine Freunde und ich hatten die ganzen Dating-Apps, die es derzeit gibt, satt, in denen man endlos hin- und herwischt, ohne wirkliche Ergebnisse zu bekommen. Ich beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und ein bisschen frischen Wind reinzubringen.
Echte Beziehungen zu erschaffen ist das Hauptziel von Juliet, weswegen sie dich mit nur einer Person gleichzeitig verbindet, basierend auf Kompatibilität. Der Haken ist, dass sie jedem Match ein Ablaufdatum verpasst, was bedeutet, dass du mit deinem Partner nur so lange schreiben darfst, bis die Zeit abgelaufen ist. Nach jedem Match lernt Juliet aus eurem Kontakt und sucht dir jemanden, der noch besser zu dir passt. So geht es weiter, bis sie letztlich deinen perfekten Partner findet.»
Julian Alexander auf Reddit.com

In einem AMA («Ask Me Anything» = «Fragt mich alles») auf Reddit stellte sich Alexander den Fragen der Reddit-Community. Die bemerkte direkt die Parallelen zur «Black Mirror»-Folge, und Alexander antwortete auf eine Nachfrage dazu: «Ich bin riesiger Black-Mirror-Fan ;)». Die Ähnlichkeiten zwischen «Juliet» und dem in der Serie gezeigten «System» sind also sehr wahrscheinlich kein Zufall. Die Frage ist: Will man wirklich Aspekte einer fiktiven Welt, die unsere reale Zukunft in immer wieder neuen, nicht unvorstellbar düsteren Szenarien zu zeichnen versucht, in die wahre Welt übertragen?

Aber wie funktioniert die App denn nun?

Bild: netflix

Zuallererst ein kleiner Dämpfer für all diejenigen, die ganz in «Black Mirror»-Manier jetzt damit anfangen wollten, sich den ersten zeitlich beschränkten Match zu suchen: «Juliet» ist derzeit noch nicht in Deutschland erschienen, sondern bisher auf die USA und Kanada beschränkt – und auch dort nur für iPhone-Nutzer verfügbar. Im AMA beteuerte Alexander allerdings, aktuell an einer Android-Version zu arbeiten.

Wer allerdings das Glück hat, sich derzeit in den USA oder Kanada aufzuhalten und über ein funktionstüchtiges iPhone verfügt, darf sich bereits in «Juliets» fähige, digitale Hände geben. Aber Halt – sind sie denn so fähig?

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Wenn man den Kommentaren unter Alexanders Reddit-Post – und den Bewertungen im US-App-Store – Glauben schenken darf, ist »Juliet« noch längst nicht ausgereift... und tatsächlich nicht einmal eine originelle Idee, denn ähnliche Apps, bei denen nur eine begrenzte Anzahl an Matches pro Tag freigeschaltet wird, gibt es bereits (zum Beispiel Coffee Meets Bagel), kritisieren viele. 

Ein Grossteil der Kritik richtet sich aber nicht an das Konzept, sondern an die Funktionalität von «Juliet».

Bild: screenshot app store

Ein grosses Ärgernis stellt sich für viele gleich bei der Anmeldung dar: «Juliet» bietet seinen Nutzern nicht die Option, sich als bisexuell anzugeben, sondern grenzt die Auswahl an sexuellen Orientierungen auf hetero- und homosexuell ein. Wer in eine dieser Kategorien fällt, hat Glück. Und dann heisst es: Bild hochladen, Name, Alter und Herkunft eingeben und... warten – denn «Juliet» braucht ein Weilchen, um dir einen Match aus dem Pool der ebenfalls Suchenden mit derselben sexuellen Orientierung zu angeln.

Aber da haben wir den grossen Haken: Denn das war's – «Juliet» interessiert sich bei ihrer ersten Suche ausschliesslich für dein Alter, dein Geschlecht, deine sexuelle Orientierung und Herkunft. Interessen, Hobbys und nicht mal Wohnort spielen eine Rolle. Wie also soll «Juliet» beim ersten Versuch schon einen passablen Match aus dem Hut zaubern? Gar nicht. «Juliet» scheint sich im längeren Gebrauch ausschliesslich darauf zu verlassen, was du temporären Matches so schreibst – und analysiert dein Chatverhalten, um zu erkennen, wie interessiert du an dem dir zugeteilten Partner bist. Privatsphäre ade, scheint hier das Motto zu sein; obwohl Alexander im AMA verspricht, niemals Daten zu verkaufen.

Aber wann ist Schluss?

Eine Frage, die viele Reddit-User stellen, auf die sie jedoch keine Antwort erhalten: Woran erkennt denn «Juliet», wenn der perfekte Partner in der digitalen Welt vor einem steht? Nach einer bestimmten Anzahl an «aussortieren» Matches? Anhand eines angeregten Chatverlaufs? Wird in letzterem Fall der Countdown, der das Ende des Matches deklariert, einfach ausgeschaltet und das Match für perfekt erklärt?

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Bild: Giphy

Fragen über Fragen, auf die Julian Alexander (noch) keine Antwort zu haben scheint. Bisher scheint die App lediglich als schwache Dating-Hilfestellung zu dienen; letztlich entscheidet der User ja selbst, wenn ein Match so vielversprechend ist, dass sich ein echtes Date (oder gar eine Beziehung) lohnen würde, Countdown hin oder her – denn im Gegensatz zu «Black Mirror» lauert hier keine Regierung, die das Abbrechen der Beziehungen zum festgelegten Zeitpunkt mit Gewalt durchsetzt.

Alexander selbst ist jedenfalls der Meinung, dass die wenigen Matches – im Vergleich zu Tinder und Co., wo User (wenn sie es so wünschen) mit potentiellen Partnern überschüttet werden – mithilfe des Zeitstempels dafür sorgen, dass die Partner ihren Match ernster nehmen, als spannender empfinden und sich daher beim Chatten mehr Mühe geben, erzählte er gegenüber Forbes. Grosse Hoffnungen für eine kleine App – bleibt abzuwarten, ob wir hierzulande je selbst in den Genuss von «Juliet» kommen werden...

Aber was hältst du überhaupt davon?
Dating à la «Black Mirror»: Traumhaft simpel – oder ein echter Albtraum?

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