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Huaweis «Android-Killer» Harmony OS stellt sich im Test als Eins-zu-eins-Kopie heraus

Huawei will sich mit seinem selbst entwickelten Harmony OS von Android und den USA unabhängig machen. Nun zeigt ein Test der Betaversion, dass Huaweis Eigenentwicklung nichts anderes als Android 10 ist.
05.02.2021, 14:39

Seit Huawei durch den US-Bann keine Google-Services mehr nutzen darf, arbeitet der chinesische Konzern an einer Alternative. Laut Aussagen eines Managers von Huawei habe die Entwicklung bereits 2016 begonnen. Im September 2020 dann stellte Richard Yu, CEO der Huawei-Consumer-Division, Harmony OS in einer Präsentation erstmals ausführlich vor. Zu aller Überraschung kündigte das Unternehmen das eigene OS als offenes Betriebssystem an, das auch von anderen Herstellern genutzt werden kann.

Harmony OS soll dabei irgendwann auf allen smarten Geräten laufen und damit die bevorzugte Plattform für das Internet der Dinge werden. Erste Kooperationspartner wurden genauso vorgestellt wie eine überschaubare Roadmap. Laut dieser wird Harmony OS spätestens Ende 2021 auch auf High-End-Smartphones Einzug halten.

Bild: huawei

Nun hat Ron Amadeo von der Technikwebsite Ars Technica die Vorabversion Harmony OS 2.0 getestet, die Entwicklern seit Dezember 2020 zugänglich ist. Das Fazit von Amadeo: Harmony OS sei nichts anderes als eine Kopie von Android 10. Huawei habe das Betriebssystem von Google lediglich optisch durch die ohnehin schon seit Jahren benutzte hauseigene EMUI-Oberfläche angepasst. Unter der Oberfläche gleiche Harmony OS Android 10 beinahe bis ins letzte Detail.

«Die offizielle Version ist, dass Huawei die EMUI-Android-Oberfläche auf Harmony OS portiert hat, nur dass alle Bits unter der Android-Oberfläche auch Android zu sein scheinen.»
Ron Amadeo, Ars Technica

Teilweise nur Namen geändert

Der Redakteur schreibt, dass es diverse offensichtliche Hinweise gebe, dass es sich bei Harmony OS nur um Android 10 handle. Beispiele, die er aufzählt:

  • In der Liste der laufenden Apps und Services sind diverse Android-Dienste zu finden. Diese tragen ihren ganz normalen Namen, den sie auch auf anderen Android-10-Handys tragen.
  • Andernorts hat Huawei versucht, die Hinweise zu beseitigen, indem der Begriff Android einfach durch Harmony OS ersetzt wurde.
  • Als er eine Systemerkennungs-App aus Huaweis App Gallery installiert habe, habe diese Android 10 respektive Android 10 Q als Betriebssystem angezeigt.
  • In der App Gallery, auf die er mit Testgeräten Zugriff hatte, fanden sich tausende User-Reviews für Anwendungen. Teilweise waren diese schon mehrere Jahre alt.
  • Harmony OS umfasse alle Funktionen, die auch in Android 10 zu finden sind, beispielsweise die Gestensteuerung oder den Dark Mode. Diese liefen beim Test alle fehlerfrei. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass ein neues Betriebssystem nach so kurzer Entwicklungszeit bereits so umfangreiche Funktionen habe – die dann auch noch fehlerfrei laufen würden.
«Man sollte eine nicht vorhandene App-Auswahl, eingeschränkte Funktionen und andere Baustellen sehen. Wenn Harmony OS wirklich ein ‹neues› Betriebssystem ist, leisten die Ingenieure von Huawei unglaubliche Arbeit!»
Ron Amadeo, Ars Technica

In seinem vernichtenden Fazit unterstellt Amadeo dem chinesischen Konzern, dass Harmony OS nichts anderes als ein gross angelegter PR-Stunt sei. Der Redakteur vermutet, dass Huawei so gegenüber der chinesischen Regierung und Konsumenten gut dastehen wollte.

So sah das aus, als Ron Amadeo auf Harmony OS eine Systemerkennungs-App gestartet hat.
So sah das aus, als Ron Amadeo auf Harmony OS eine Systemerkennungs-App gestartet hat.

Noch 2019 sagte Yu, Harmony OS sei bereit und könne jederzeit eingesetzt werden. Dazumal hiess es allerdings, man wolle Googles Android weiterhin den Vorzug geben. Harmony OS komme nur zum Einsatz, wenn die USA ihnen keine Wahl lasse. Dass dies mehr PR als Realität war, wurde spätestens bei der Präsentation im Herbst 2020 klar, als Huawei nicht fähig war, eine Live-Demo des OS zu zeigen.

Dass Huawei mit seinem eigenen OS wohl noch nicht da ist, wo man laut PR gerne wäre, zeigt auch der Testablauf von Amadeo. So konnte er die Testversion nicht einfach von einer Website herunterladen, wie das bei Google der Fall für Betaversionen sei. Vielmehr habe Huawei von ihm Kopien von Ausweis und Kreditkarte für einen mehrtägigen Hintergrundcheck verlangt. Danach konnte er Harmony OS 2.0 testen – allerdings nur als Remote-Verbindung, mit der er auf ein Handy in China mit Harmony OS zugreifen konnte.

Huawei hatte anderen Eindruck vermittelt

Grundsätzlich wäre nichts dabei, dass Huawei eine Android-Kopie als Ersatz verwendet. Android ohne Google-Services ist Open Source und kann frei eingesetzt und modifiziert werden. Selbst eine Umbenennung ist dabei zulässig. Solche Android Custom Roms gibt es einige. Prominentestes Beispiel ist Amazons Fire OS, das mit dem hauseigenen Amazon Store ausgeliefert wird.

Es wäre rechtlich also kein Problem, Harmony OS auf Android aufzubauen. Aus Sicht des Konzerns ergibt dieses Vorgehen Sinn, denn so ist es weitaus einfacher, App-Entwickler für Harmony OS zu begeistern: Diese müssen im Grunde nur die Google Mobile Services durch die Huawei Mobile Services ersetzen.

Dass Huawei sich nun mit Kopievorwürfen konfrontiert sieht, obwohl das alles legitim wäre, liegt an der Kommunikation. Huawei wurde nicht müde, zu betonen, dass Harmony OS keine Android-Kopie sei. Man würde bei Harmony OS auf einen eigens entwickelten Mikrokernel setzen. Damit unterschiede sich das OS tatsächlich von Android, das auf einen monolithischen Kernel auf Linuxbasis setzt.

Auch CEO Richard Yu hatte Harmony OS immer wieder als keine Android-Kopie bezeichnet.
Auch CEO Richard Yu hatte Harmony OS immer wieder als keine Android-Kopie bezeichnet.
Bild: EPA

Mit seiner Kommunikationsstrategie vermittelte Huawei den Eindruck, ein von Grund auf eigenes OS in der Hinterhand zu haben, dessen Entwicklung laut Huawei sogar bereits 2016 begonnen habe. Im Sommer 2019 war dann erstmals die Rede davon, dass Harmony OS zu Beginn doch auf einen gängigen Linux-Kernel setzen würde. Später solle dann der Linux-Kernel durch Huaweis besseren Kernel ersetzt werden.

Bereits zu dieser Zeit äusserten Experten erste Zweifel, zumal Huawei nun plötzlich versprach, dass Android-Apps auf Harmony OS laufen würden. Demomaterial hatte der Konzern indes noch immer nicht gezeigt. Das deutsche Techportal golem.de schrieb dazu im August 2019:

«Bemerkenswert an dieser ersten Version von Harmony OS ist ausserdem, dass der Hersteller weiterhin eine Kompatibilität zu Android verspricht. Möglich wäre das etwa durch eine eigene Implementierung der Android-Laufzeit durch Huawei oder einfach durch die Übernahme der entsprechenden Komponenten bei einem Verzicht auf die Google-Dienste sowie den Namen Android. Das muss Huawei in China sowieso umsetzen, weil die Google-Dienste dort nicht verfügbar sind.»

Dennoch wurde man vonseiten Huawei nicht müde, das eigene OS von Android abzugrenzen. Erst Mitte Januar 2021 betonte ein hochrangiger Huawei-Manager gegenüber der chinesischen IT-Website IThome.com erneut, dass Harmony OS keine Android-Kopie sei. Der Test von Ars Technica hat das nun unmissverständlich widerlegt:

«Wenn jemand bei Huawei dies bestreiten möchte, würde ich ein Beispiel für eine einzige Sache im Emulator begrüssen, die sich funktional oder sogar ästhetisch von Android unterscheidet. Falls jemand schreien möchte, ‹es ist nur eine Beta›: Huawei sagt, dass dieses Betriebssystem noch in diesem Jahr in kommerziellen Telefonen ausgeliefert werden wird. Es scheint keine Zeit zu sein, um eine grosse Überarbeitung von ‹Android› zu ‹Nicht Android› durchzuführen.»

Huawei Schweiz wollte diesen Bericht auf Anfrage von watson nicht kommentieren.

Update vom 5. Februar 2020: Huawei hat inzwischen eine offizielle Stellungnahme zu dieser Sache veröffentlicht. Sie lautet wie folgt:

HarmonyOS basiert auf der verteilten Technologie von Huawei und ist ein brandneues Betriebssystem, das speziell für die neuen Anforderungen einer Zukunft entwickelt wurde, in der unterschiedliche IoT-Geräte massiv miteinander verbunden sind. Es kann bei Bedarf auf einer Vielzahl von Geräten eingesetzt werden und passt sich flexibel an unterschiedliche Hardwareressourcen und Anwendungsanforderungen an.

Während sichergestellt wird, dass alle anwendbaren Open-Source-Regeln strikt eingehalten werden, nutzt HarmonyOS eine große Anzahl von Open-Source-Ressourcen von Drittanbietern, einschliesslich Linux, um die Entwicklung einer umfassenden Architektur zu beschleunigen.

Obwohl bestimmte UI-Elemente von EMUI 11 in der aktuellen Entwickler-Beta beibehalten werden, wird HarmonyOS mit einer komplett neuen UI, zusammen mit kommenden Huawei-Smartphones auf den Markt kommen. Das Entwickler-Beta-Programm ist noch nicht abgeschlossen und wir freuen uns über jedes Feedback von Entwicklern und Partnern, die mit uns zusammenarbeiten, um unsere Vision für alle Szenarien zum Leben zu erwecken.

Mehr zu Huawei:

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