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Die Flugzeugentführung in Minsk – das Protokoll der Eskalation

Lukaschenko sorgt erneut für Aufregung: Dem belarussischen Präsidenten wird eine Flugzeugentführung vorgeworfen. Eine Chronologie der Notlandung in Minsk, der Verhaftung Protassewitschs und der EU-Sanktionen.
25.05.2021, 10:58

Sonntag, 07:29 Uhr: Abflug in Athen

Um 07:29 Uhr (UTC) hebt die Ryanair-Maschine in Athen ab. Ziel: Vilnius, die Hauptstadt Litauens. Rund zwei Stunden nach Abflug, um 09:30 Uhr, tritt das Flugzeug in den belarussischen Luftraum ein.

09:46 Uhr: Kursänderung nach Minsk

Eine Viertelstunde nach Eintritt in belarussischen Luftraum macht die Maschine eine 180-Grad-Kehrtwende. Zu diesem Zeitpunkt ist sie nur noch 72 Kilometer von Vilnius entfernt. Zwei Minuten später setzt sie einen Code ab, der eine Luftnotlage signalisiert.

Die Crew sei von der belarussischen Luftverkehrsüberwachung über eine mögliche Sicherheitsbedrohung an Bord informiert worden, teilt die irische Fluggesellschaft Ryanair in einer späteren Erklärung mit. Dann seien sie instruiert worden, zum nächstgelegenen Flughafen zu fliegen: Minsk.

Wie dieser Tweet von Flightradar24 zeigt, wäre die Zieldestination Vilnius für eine Notlandung allerdings näher gewesen:

Nach Angaben des belarussichen Generalmajor Andrei Gurtsewitsch habe der Pilot um Landerlaubnis in Minsk gebeten. Der stellvertretende Kommandeur der Luftverteidigungskräfte erklärte zudem, dass ein entsandter Kampfet der Überwachung der Maschine diente. Vermutet wird allerdings, dass den Piloten damit gedroht werden sollte.

10:16 Uhr: Landung in Minsk

Das Flugzeug landet etwa eine halbe Stunde nach Kursänderung (UTC) in Minsk, wo es von Feuerwehrautos empfangen wird. Die Passagiere verlassen die Maschine und ihr Gepäck wird einer genauen Kontrolle unterzogen. Gemäss Ryanair wird dabei aber nichts Ungewöhnliches festgestellt.

Passenderweise befindet sich allerdings ein von Belarus gesuchter Mann an Bord: Der oppositionelle Blogger und Aktivist Roman Protassewitsch. Nach der Ankunft am Minsker Flughafen werden er und seine Partnerin Sofia Sapega festgenommen.

15:14 Uhr: Der Litauische Präsident meldet sich

Einige Stunden nach der Landung des Flugzeugs in Minsk meldet sich der litauische Präsident Gitanas Nausėda auf Twitter. Er verurteilt die Festnahme Protassewitschs, welcher den oppositionellen Nachrichtenkanal «Nexta» mitbegründet hatte und forderte seine sofortige Freilassung:

17:26 Uhr: Von der Leyen reagiert

«Es ist absolut inakzeptabel, den Ryanair-Flug von Athen nach Vilnius zu zwingen, in Minsk zu landen», schreibt EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen einige Stunden später auf Twitter.

Auch das griechische Aussenministerium kritisiert die Festnahme des Aktivisten am Sonntagabend scharf. «Griechenland verurteilt den Akt staatlicher Luftpiraterie, der heute zur Umleitung und Notlandung des Flugs Ryanair FR 4978 auf dem Weg von Athen nach Vilnius in Minsk führte.» Man verurteile die illegale Festnahme des belarussischen Aktivisten Roman Protassewitsch, dem in Belarus die Todesstrafe drohe.

17:47 Uhr: Abflug in Minsk

Nach sieben Stunden Aufenthalt in Minsk hebt die Maschine um 17:47 (UTC) wieder ab. Um 18:26 Uhr (UTC) landet sie schliesslich auf dem Flughafen der litauischen Hauptstadt Vilnius (Ortszeit: 21:26 Uhr). Ursprünglich sollte die in Athen gestartete Maschine um 13:00 Uhr Ortszeit landen.

Am selben Abend: Thema bei EU-Sondergipfel

Die erzwungene Flugzeug-Landung in Minsk und mögliche Sanktionen gegen Belarus werden am Montagabend Thema bei einem ohnehin geplanten EU-Sondergipfel in Brüssel.

EU-Ratspräsident Charles Michel werde den Vorfall thematisieren, teilt sein Sprecher mit. «Konsequenzen und mögliche Sanktionen werden bei dieser Gelegenheit diskutiert.» Michel selbst teilt mit, der «beispiellose Vorfall» werde nicht ohne Konsequenzen bleiben.

00:41 Uhr: US-Aussenminister meldet sich

US-Aussenminister Antony Blinken schreibt am Sonntagabend (Ortszeit) auf Twitter mit Blick auf den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko, es habe sich um eine «dreiste und schockierende Tat des Lukaschenko-Regimes» gehandelt. «Wir fordern eine internationale Untersuchung und stimmen uns mit unseren Partnern über die nächsten Schritte ab. Die Vereinigten Staaten stehen an der Seite der Menschen in Belarus.»

Am nächsten Tag: Keine Spur des Bloggers

Einen Tag nach der erzwungenen Landung einer Passagiermaschine in Belarus gibt es zum Verbleib des festgenommenen Oppositionsaktivisten und Bloggers Roman Protassewitsch vorerst keine offiziellen Angaben. Von seiner Partnerin Sofia Sapega fehlt ebenfalls jede Spur. Protassewitschs Vater Dmitri zeigt sich im Interview des belarussischen Radiosenders Radio Swoboda überzeugt, dass es sich um eine sorgfältige Operation «wahrscheinlich nicht nur von den Geheimdiensten von Belarus» handelte. Russland ist enger Verbündeter von Belarus.

Montagabend: Protassewitsch meldet sich

In einem regierungsnahen Nachrichtenkanal bei Telegram wird am Montagabend ein Video von Protassewitsch verbreitet. Darin bestätigte der gezeichnete Blogger, dass er im «Untersuchungsgefängnis Nr. 1» in der Hauptstadt Minsk sei.

Zu Berichten über einen angeblichen Spitalaufenthalt wegen Herzproblemen sagte er: «Ich kann erklären, dass ich keine gesundheitlichen Probleme habe, auch nicht mit dem Herzen und anderen Organen.» Er sei gesetzeskonform behandelt worden, er arbeite mit den Ermittlern zusammen und wolle weiter Geständnisse ablegen.

Nach Einschätzung der Opposition ist das Video unter Druck zustande gekommen. «Roman hätte nie freiwillig gesagt, was er jetzt in die Kamera gesagt hat», hiess es bei Telegram. Er sehe zudem «ziemlich gefoltert» aus.

Nacht auf Dienstag: Sanktionen beschlossen

Wie ein Sprecher von EU-Ratspräsident Charles Michel nach Beratungen der Staats- und Regierungschefs in Brüssel mitteilte, sollen belarussische Fluggesellschaften künftig nicht mehr den Luftraum der EU nutzen dürfen und auch nicht mehr auf Flughäfen in der EU starten und landen dürfen. Zudem soll es zusätzliche gezielte Wirtschaftssanktionen und eine Ausweitung der Liste mit Personen und Unternehmen geben, gegen die Vermögenssperren und EU-Einreiseverbote gelten.

Fluggesellschaften mit Sitz in der EU werden darüber hinaus aufgefordert, den Luftraum über Belarus zu meiden. «Der Europäische Rat verurteilt nachdrücklich die erzwungene Landung eines Ryanair-Fluges am 23. Mai 2021 in Minsk (Belarus) und die Inhaftierung des Journalisten Roman Protassewitsch und von Sofia Sapega durch die belarussischen Behörden», heisst es in einer Erklärung der Staats- und Regierungschefs. Der Blogger und seine Partnerin müssten umgehend freigelassen werden. Die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation forderte der EU-Gifpfel auf, den «beispiellosen und nicht hinnehmbaren Vorfall» dringend zu untersuchen.

Dienstag frühmorgens: Flüge werden umgeleitet

Wie dieses Bild auf dem Twitterkanal von Flightradar24 zeigt, werden die Sanktionen der EU bereits umgesetzt. Diverse Flüge, welche zuvor über Belarus geflogen sind, nehmen nun einen Umweg über Lettland und Russland in Kauf.

Heute: Die Nato berät sich über den Vorfall

Die Umleitung eines Linienflugs nach Minsk ist auch Thema innerhalb der Nato. «Die Verbündeten beraten sich über die erzwungene Landung des Ryanair-Flugzeugs durch Belarus, und die Botschafter werden morgen darüber diskutieren», hiess es am Montag aus der Nato-Zentrale. Bereits am Sonntag hatte Generalsekretär Jens Stoltenberg auf Twitter von einem «schwerwiegenden und gefährlichen Vorfall» gesprochen, der internationale Untersuchungen erfordere. (saw/sda/dpa)

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