International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Der Himmel über San Jose war rot. Doch die Luft war besser als an manch anderem Tag.

Interview

Schweizer in Kalifornien: «Wir haben seit vier Tagen das Haus nicht mehr verlassen.»



Wie geht es euch?
Leanne und Thierry Oggier [lachen]: Es könnte besser gehen. Wir haben seit vier Tagen das Haus nicht mehr verlassen.

Bild

Ein Bild aus blaueren Tagen: Leanne und Thierry Oggier leben mit ihren vier Kindern (7 Jahre, 3 Jahre, 2 Jahre, 6 Monate) seit fünfeinhalb Jahren in Kalifornien. Zuerst in Cupertino, jetzt in San Jose.

Aber ihr seid durch die Feuer nicht direkt bedroht?
Nicht mehr. Das Feuer, das uns am nächsten kam, ist mittlerweile gelöscht. Am schlimmsten war es vor zwei Wochen. Da wüteten 15 Autofahrminuten westlich und östlich zwei der schlimmsten Waldbrände der kalifornischen Geschichte. Die Evakuationsgrenze kam uns immer näher und die Bewohner der Nachbarstadt erhielten bereits eine Warnung. Wir wurden aber verschont.

Und der Himmel? Ist der noch rot?
Nein. Das war nur an einem Tag so. Paradoxerweise war an dem Tag bei uns fast die beste Luft. Das Phänomen des roten Himmels hat mit den Windverhältnissen zu tun. Und für uns waren sie an dem Tag günstig.

Und jetzt ist die Luftqualität wieder schlechter?
Im Moment ist sie wieder gar nicht gut. Wie gesagt: Wir haben das Haus seit vier Tagen nicht mehr verlassen. Jeden Morgen stehen wir auf und checken auf der App, wie gut die Luft ist. Entscheidend ist der AQI [Air Quality Index, Anm. d. Red.]. Werte über 100 sind für Babys, wie wir eines haben, und Risikopersonen wie Asthmatiker ungesund. Ab 150 wird es grundsätzlich ungesund. In San Jose hatten wir zum Teil Werte von fast 300. Ab 300 wird es gefährlich.

Ist die Luft drinnen denn viel besser?
Ein bisschen. Um zuhause über wirklich gute Luft zu verfügen, benötigt man genug Luftfiltergeräte und einen speziellen Schwebstofffilter in der Klimaanlage. Wir haben ein Luftfiltergerät und … keine Klimaanlage.

Keine Klimaanlage? In Kalifornien?
Wir haben einen eigentlich äusserst praktischen Durchzugsschacht. Wenn man den öffnet, zieht es die gesamte warme Luft aus dem Haus. Den können wir aber im Moment nicht nutzen. Wir warten nur auf die Nacht, in der wir endlich den Schacht öffnen und kalte Luft ins Haus lassen können. Die Luftfiltergeräte sind natürlich ausverkauft.

FILE - In this Oct. 24, 2019, file photo, photographers documenting the Kincade fire in the Geysers run as the fire approaches Geysers Road, in Sonoma County, Calif. Photographers have captured searing, intimate images of active and dangerous wildfires burning California, due in large part to a state law that guarantees press virtually unfettered access to disaster sites. That’s not the case everywhere as rules about media access vary by state, and even by government agency. (Kent Porter/The Press Democrat via AP, File)/

200 Kilometer von San Jose entfernt wütet das Kincade-Feuer. Es ist einer von über 90 Grossbränden in Kalifornien. Der Grossteil davon wurde Mitte August durch Blitze entfacht. Während 72 Stunden schlugen über 12'000 Blitze ein. Bild: keystone

Sind die Temperaturen im September überhaupt noch ein Problem?
Es folgt eine Hitzewelle auf die nächste. Vor zwei Wochen hatten wir 42 Grad und die Luft war richtig schlecht. Also riegelten wir alles ab und schlossen die Jalousien. Im Haus herrschten 32 bis 35 Grad. Es gab Zeiten, da lagen wir zu sechst in einem Raum um den Luftfilter herum. Wir befinden uns wegen Corona noch im Home-Office. Es sind nicht nur die Feuer. Corona erschwert die Situation zusätzlich.

Sind die Regeln in Kalifornien immer noch strikt?
Die Corona-Regeln werden zum Teil vom County erstellt. Wir leben in einem sehr «vorsichtigen» County. Seit dem 9. März haben wir Home-Office, und eine Woche später fing der Lockdown an. Die meisten Indooraktivitäten ausser Haus sind untersagt. Somit verbieten uns die Corona-Regeln, etwas drinnen zu unternehmen – und die Feuer verhindern, dass wir draussen sein können.

Sämtliche Schulen sind geschlossen?
Ja. Die älteste Tochter hat Schule per Videocall. Sechs Stunden pro Tag. Die Kinderkrippen wären eigentlich geöffnet. Aber nur unter der Vorgabe, dass die Zimmer immer durchlüftet werden. Das aber kann im Moment nicht gewährleistet werden. Deshalb sind jetzt auch die Kinderkrippen geschlossen – ausser sie bauen spezielle Filter in die Lüftungsanlagen ein. Unsere Krippe hat das zum Glück getan. So kommt wenigstens ein Familienmitglied aus dem Haus.

Bild

Der Himmel ist trüb, auf dem Wagen liegt eine Schicht Asche. Bild: leanne oggier

Gerade mit so kleinen Kindern stelle ich mir die Situation nicht gerade einfach vor.
Vor den Feuern konnten die Kinder während des Lockdowns wenigstens im Garten oder in der Garage spielen. Wir haben unsere Garage quasi zu einem Spielplatz umgebaut. Normalerweise toben sich die Kinder dort aus. Aber das fällt jetzt auch weg. Alles konzentriert sich aufs Haus. Wenn es zu bunt wird und der AQI nicht allzu hoch ist, lassen wir die Kinder jeweils eine halbe Stunde raus, um Energie loszuwerden. Das hilft. Wer eine halbe Stunde draussen ist, riecht allerdings wie ein Lagerfeuer. Barfuss kriegt man nach ein paar Schritten schwarze Fusssohlen und auf den Autos und den Gartenmöbeln liegt eine Schicht Asche.

Bereits 2018 gab es schlimme Brände. Erwartet ihr das nun jedes Jahr?
Wir hoffen, dass dies nur Ausreisser sind. Das Verrückte ist ja, dass die eigentliche Waldbrandzeit immer erst auf den November fällt. 2019 war okay. 2018 waren die tödlichen Campfires. Bekannte, die hier aufgewachsen sind, erzählen, dass sie sich an keine grossen Feuer während ihrer Kindheit erinnern können. Auch nicht an Temperaturen über 35 Grad. Es hat sich etwas verändert und es ist zu befürchten, dass dies das neue «Normal» wird.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Die USA brennen

Trotz 14'000 Feuerwehrleuten: Brände in Kalifornien breiten sich aus

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

32
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
32Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • echter Züricher 16.09.2020 13:16
    Highlight Highlight Brandstiftung kombiniert Nachlässigkeit in der Waldpflege.

    https://bit.ly/2RsTmnc
  • Thomas G. 16.09.2020 13:12
    Highlight Highlight Nochmals zum mitschreiben

    Bei 35 Grad oder bei 50 Grad entzündet sich Holz NICHT. Es braucht 200 und mehr Grad dafür!

    Daraus folgt: die Waldbrände sind zum aller grössten Teil KEINE Folge des Klima Wandels. Sondern zu 90% von Menschen direkt verursacht. Das sagt Calfire.

    Also Leute. Schraubt mal die Panik etwas zurück. Und räumt Eure Wälder auf!
    • Shabbazz 16.09.2020 13:41
      Highlight Highlight Interessant, wenn ich die Calfire Webseite öffnet, steht im oberste Artikel "On August 15th, lightning strikes started hundreds of fires across Northern California. In the days since, over 1.2 million acres have burned."

      Lightning Strike sind Blitze...
    • John Steam in the snail hole 16.09.2020 14:26
      Highlight Highlight Das Klima wird wärmer und trockener (zumindest in dieser Region) was Brände begünstigt. Wenn alles verdörrt ist reicht ein kleiner Funke (oder ein Blitzeinschlag) und ein Feuer bricht aus. Wegen Winden (teilweise von Klimawandel verstärkt) verbreitet sich das Feuer dann sehr rasch, weil alles so trocken ist (wegen dem Klimawandel). So weit sollte man doch selber nachdenken können, egal ob man jetzt an den Klimawandel "glaubt" oder nicht.
    • Statler 16.09.2020 14:42
      Highlight Highlight Aber dass die Wälder TROCKEN sind und es deshalb nur einen Funken braucht, um ein Feuer zu entfachen, IST eine Folge des Klimawandels.
    Weitere Antworten anzeigen
  • John Henry Eden 16.09.2020 13:02
    Highlight Highlight Diese grossen Waldbrände gehen auf die Professionalisierung der Brandkämpfung zurück. Seit Jahrzehnten werden Waldbrände in Kalifornien sofort bekämpft und meist umgehend gelöscht. Doch Feuer ist die Aufräummethode der Natur.

    Ohne die kleinen Brände sammelt sich brennbares Material grossflächig in den Waldgebieten an. So kommt es zu riesigen Bränden.

    Ironischerweise wird vorschnell gelöscht, weil gut ein Drittel der Kalifornier in naturnahen Gebieten lebt und vor Bränden geschützt werden wollen. Der Mensch macht den natürlichen Kreislauf kaputt.
    • Statler 16.09.2020 14:44
      Highlight Highlight Blödsinn: In Kalifornien werden seit langem von den Forstleuten kontrollierte Brände gelegt, um genau dem vorzubeugen.
  • Dr no 16.09.2020 12:53
    Highlight Highlight naja der Wasserverbrauch ist einfach zu gross der Amis. Die sollten sich mal an der eigenen Nase nehmen. Wenn Halbwüste mit Millionen Litern Wasser bewässert wird, damit man Orangen anpflanzen kann, dann fehlt das Wasser halt irgendwo. Von den ausgetrockneten Flüssen ganz zu schweigen. Vielleicht lernen sie mal was draus.
    • Shabbazz 16.09.2020 13:38
      Highlight Highlight Deshalb bitte keine Mandeln mehr kaufen! Alleine im Westlands Water District werden für den Mandelanbau im Jahr 720 Millionen Kubikmeter Wasser abgepumpt. Das ist mehr als die Elf-Millionen-Stadt Los Angeles im Jahr verbraucht.

      80% der auf dem Markt gehandelten Mandeln stammt aus dem sonnigen Kalifornien!
    • Dr no 16.09.2020 16:24
      Highlight Highlight Ich bin in Kalifornien gefühlt stundenlang an bewässerten Orangenplantagen vorbeigefahren. Plötzlich hörte die Bewässerung auf und der Boden war Wüste ! War sehr eindrücklich. Und von Las Vegas müssen wir gar nicht anfangen...
    • Lami23 16.09.2020 19:26
      Highlight Highlight Wollte ich auch gerade sagen. Aber Hauptsache mit dem Finger zeigen. Ich hoffe, sie ziehen auch Konsequenzen beim eigenen Handeln.
  • MeinAluhutBrennt 16.09.2020 12:51
    Highlight Highlight Man darf sich aber schon vor Augen führen dass Kalifornien auf einer der weltweit grössten Magmakammern geradezu "brütet" und auf das eigentliche "Schlüpfen" wartet.

    Wenn der San-Andreas graben....ach lassen wir das. Wir wollen es einfach: Ein Hillbilly-Moonshiner hat wieder mal bubelet!
    • Statler 16.09.2020 14:53
      Highlight Highlight Du meinst wohl eher den Yellowstone National Park (der liegt aber in Wyoming). Dort drunter ist ein Supervulkan.

      Das was Du meinst, sind die Risse, die sich durch ganz Kalifornien ziehen (z.B. eben die San Andreas Falte). Da kommt irgendwann auch Magma, aber das kommt überall auf der Erde, wenn man tief genug gräbt. ;) Diese Verwerfungen verursachen vor allem immer wieder Erdbeben (die auch gefährlich sein können), aber ein Vulkan bricht da eher weniger aus.

      Übrigens: für einen Supervulkan muss man nicht nach Amiland, da genügt ein Abstecher zu den «Campi Flegrei» beim Vesuv.
  • öpfeli 16.09.2020 12:32
    Highlight Highlight der Mensch verbockts und die Natur leidet
    • Vanewod 16.09.2020 13:04
      Highlight Highlight Falsch, der Natur ist das völlig egal sie regeniert sich, denn sie hat Zeit. Der Mensch verbockts und der Mensch leidet zugleich, dass wäre die richtige Aussage.
    • Scaros_2 16.09.2020 13:27
      Highlight Highlight Nein - die Natur leidet nicht. Diese erholt sich irgendwie dann schon wieder. Nur der Mensch, der wird leiden.
    • öpfeli 16.09.2020 13:30
      Highlight Highlight sag das den verbrannten Tieren.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Ctulhu 16.09.2020 11:51
    Highlight Highlight Vielen Dank für dieses Interview!

    Ein weiterer „wake-up call“ für alle. Weltweit können wir mit Millionen von Klimaflüchtlingen rechnen. CO2-Austösse müssen darum nicht nur reduziert (carbon offset), sondern auch aus der Atmosphäre „gezogen“ werden (carbon removal durch Anbau von Wäldern, neue technischen Lösungen etc.), um Net-Zero zu erreichen. Für jede verbrauchte CO2-Tonne müssen wir also die gleiche Menge „negative“ Emissionen generieren (dieses Thema wäre auch mal einen ausführlichen Artikel wert). Und das muss sehr schnell passieren, damit es keine irreversiblen Folgen für uns hat.
  • Der P 16.09.2020 11:36
    Highlight Highlight Nuff sayin'...
    Benutzer Bild
    • Glenn Quagmire 16.09.2020 12:12
      Highlight Highlight Zum Glück sind die TNT-Tanne und die Nitroglizerin-Linde in meinem Garten noch nicht explodiert. Sonst würde die Dynamit-Eiche wohl auch knallen
    • dmark 16.09.2020 12:16
      Highlight Highlight OK, Donald.
      Ich habe hier wirklich sehr viel Wald um mich herum... Und in den ganzen Jahren ist hier auch noch keiner davon explodiert.

      Wir scheinen es wirklich besser im Griff zu haben...?
    • poltergeist 16.09.2020 12:34
      Highlight Highlight Er meinte wohl die Eukalyptusbäume in Australia, nicht Austria. Die brennen wirklich heftiger, wegen dem hohen Ölgehalt.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Badener 16.09.2020 11:26
    Highlight Highlight Quato kommt bestimmt zur Hilfe...

Aktuelle Zahlen zum Coronavirus in der Schweiz und der internationale Vergleich

Die Corona-Pandemie wütet weiter. Die Neuansteckungen steigen auch in Schweizer Kantonen erneut. Hier findest du alle relevanten Statistiken und die aktuellen Corona-Fallzahlen von Corona-Data und dem BAG zur Schweiz sowie im internationalen Vergleich.

Das Coronavirus hält die Schweiz weiterhin in Atem. Die Zahl der Neuansteckung steigt in den unterschiedlichen Kantonen seit dem August wieder und viele sprechen bereits von einer zweiten Corona-Welle in Europa und in der Schweiz.

Damit du den Überblick über die sich stetig verändernde epidemiologische Lage behältst, zeigen wir dir hier alle relevanten Statistiken zu den Neuansteckungen, Positivitätsrate, Hospitalisierungen und Todesfällen in den Schweizer Kantonen sowie im internationalen …

Artikel lesen
Link zum Artikel