DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Das Impftempo in den USA sinkt – jetzt sollen Bier, Joints und Gratis-Ubers helfen

Mehr als die Hälfte aller Erwachsenen in den USA ist gegen Corona geimpft. Die Impfzentren leeren sich. Doch wie erreicht man diejenigen, die immer noch skeptisch sind?

Rieke Havertz, Orlando / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Verwaist stehen die riesigen weissen Zelte auf dem noch riesigeren Parkplatz des Valencia College in Orlando. Die Polizisten, die an der Auffahrt für Ordnung sorgen sollen, plaudern durchs offene Fenster mit dem Kollegen, der gerade vom anderen Ende des Parkplatzes herübergelaufen kam. Zu regeln gibt es hier für sie nichts: Es herrscht kaum noch Betrieb im Massenimpfzentrum, in dem sich die Bürger der 2.5-Millionen-Einwohner-Region im US-Bundesstaat Florida ohne Termin, ohne Kosten und ohne Aufwand impfen lassen können.

Mit dem Auto vorfahren, Ausweis zeigen, fertig: Bis zu 850 Spritzen haben sie hier vor ein paar Wochen noch gesetzt – pro Stunde. An diesem Nachmittag kommen binnen einer Stunde keine zehn Menschen, um sich mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson gegen das Coronavirus impfen zu lassen.

 April 7, 2021, Los Angeles, California, USA: Vehicles drive around a maze of traffic cones, as they line up at the Dodgers Stadium COVID-19 vaccination site in Los Angeles, California Wednesday, April 7, 2021. /PI Los Angeles USA - ZUMAp124 20210407_zaa_p124_022 Copyright: xJAVIERxROJASx

In Los Angeles zeigt sich das gleiche Bild: Viele freie Plätze bei der Drive-in-Impfstation beim Dodgers-Stadium. Bild: www.imago-images.de

Ruhig sei es nun schon seit Tagen, sagt eine der Schwestern, die am Eingang gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen unter einem Schatten spendenden Pavillon sitzt. Offiziell etwas sagen dürfen sie alle nicht. Das Zentrum wird von Fema betrieben, dem nationalen Katastrophenschutz der USA.

Alle Anfragen werden deshalb an Floridas Katastrophenbehörde verwiesen, die als Bindeglied zwischen Washington und den lokalen Gesundheitsbehörden fungiert. Mehrere Anfragen dort bleiben unbeantwortet.

Einer der Ärzte, der im Impfzentrum beratend tätig ist, spricht aus, was in Amerika nach Wochen der Impfrekorde Realität geworden ist: «Wir müssen jetzt an jede Tür einzeln klopfen, um die Menschen zu überzeugen.»

Jede Impfung hilft

Laut Daten des staatlichen Center for Disease Control (CDC) haben 46 Prozent der Bürger wenigstens eine Impfung erhalten, das sind mehr als 58 Prozent der über 18-Jährigen. 35 Prozent sind komplett geimpft. Doch das Tempo von mehr als drei Millionen Impfungen pro Tag ist deutlich gesunken, es liegt jetzt noch bei knapp über zwei Millionen Dosen täglich.

«Es gibt drei Hauptgründe, sich nicht impfen zu lassen: Vertrauen in den Impfstoff, Motivation und Zugang», sagte der Militärarzt Vivek Murthy vergangene Woche bei einem der regelmässigen Briefings des Weissen Hauses.

Herdenimmunität durch Impfungen zu erlangen, ist so schwer zu erreichen. Doch selbst, wenn dieses Ziel nicht erreicht wird, so die Argumentation der Wissenschaft, hilft jede Impfung, um weitere Ausbrüche zu verhindern und schneller zu einem Alltag zurückzukehren.

February 7, 2021, Tampa, Florida, USA: Motorists wait in line to enter a COVID-19 vaccination site at the University Mall parking garage in Tampa on Thursday, Feb. 11, 2021. The traffic was backed up for at least one mile onto Fowler Street. Tampa USA - ZUMAs70_ 20210207_zan_s70_356 Copyright: xIvyxCeballox

Im Januar sah es vielorts noch so aus: Wartende Autos vor einer Impfstation in Tampa. Bild: imago-images

Um diese Botschaft zu verbreiten, sitzt der prominenteste Immunologe des Landes, Anthony Fauci, auch schon mal in der populären Late-Night-Show von Jimmy Kimmel. Es sei frustrierend, sagte Fauci, dass etwa ein Viertel der Bürger die Impfung nicht wolle. Nicht nur, weil er sich um das Wohl aller Menschen sorge, sondern auch, «weil es eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft ist, die wir alle tragen sollten».

Nur weil man sich für unverwundbar hielte, sei man es nicht und gefährde ausserdem andere. Fauci wiederholt als Mantra, was er und die anderen Experten in jeder Pressekonferenz und jedem Fernsehauftritt immer wieder sagen.

Die CDC wirbt vor allem mit den Freiheiten, die Geimpfte inzwischen wieder haben. Treffen ohne Maske auch in geschlossenen Räumen, Reisen ohne Beschränkungen. In Florida sind das keine überzeugenden Argumente mehr. Der republikanische Gouverneur Ron DeSantis hat jegliche Covid-Beschränkungen in der vergangenen Woche aufgehoben. DeSantis, von Donald Trump gefördert und ganz auf dessen ideologischer Linie, hatte sich stets gegen zu strikte Restriktionen und harte Lockdowns gewendet.

Wer in diesen Tagen in Florida unterwegs ist, der könnte vergessen, dass es jemals eine Pandemie gegeben hat. Strände, Geschäfte und Restaurants sind belebt, die Gruppen gross, Abstand nicht vorhanden. Das Gedränge am Flughafen ist wieder gross, Masken werden nur noch dort getragen, wo es die Regierung in Washington vorschreibt oder einzelne Geschäfte verlangen.

In Orange County rund um Orlando liegt die Impfskepsis der Bewohner bei mehr als 20 Prozent, in anderen Regionen des Bundesstaats teilweise noch höher. Zum Vergleich: In Los Angeles etwa liegt sie nur bei zehn Prozent. Der Arzt, der im Impfzentrum in Orlando darauf wartet, dass ich auch dort noch einmal Menschen drängen, ist von den Zahlen aus Florida nicht überrascht.

Skeptische Menschen habe es immer schon gegeben. Gute Informationen seien wichtig, niemand dürfe in dieser Lage zurücklassen werden. Doch wer es bis auf den Parkplatz des Valencia College geschafft hat, der ist schon überzeugt. Die wenigen, die an diesem Nachmittag kommen, haben ihren Ausweis griffbereit und gehen ohne Zögern auf die Zelte zu.

Wo also ins Gespräch kommen mit denen, die nicht an die Wirksamkeit von Impfungen glauben? Laut Umfragen sind das vor allen Dingen weisse Männer, die republikanisch wählen. In Florida kann man sie bei einer Veranstaltung von Marjorie Taylor Greene und Matt Gaetz treffen, Abgeordnete im Repräsentantenhaus in Washington, D. C., und äusserst Trump-loyal. Eine Maske trägt bei ihrem Auftritt in einem Hotel in The Villages, einer Siedlung für Menschen ab 55 Jahren eine Stunde Autofahrt nordwestlich von Orlando, niemand.

Attendees cheer during a rally featuring Rep. Matt Gaetz, R-Fla. and Rep. Marjorie Taylor Greene, R-Ga., Friday, May 7, 2021, in The Villages, Fla. (AP Photo/Phelan M. Ebenhack)

Vielen Menschen, ein Innenraum, keine Masken: der Auftritt von Marjorie Taylor Greene in Florida. Bild: keystone

Politiker verstärken die Zweifel

Gary White hat dafür einen umso grösseren Make-America-Great-Again-Hut auf. Er vertritt die örtliche Tea-Party-Bewegung – und die freie Meinungsäusserung. Vor der Tür legt er sich mit einem Mann an, der Greene und Gaetz kritisiert. Doch als die Polizei diesen vom Gelände eskortiert, ist White das auch nicht recht. Freie Meinungsäusserung gelte für jeden. Inhaltlich sieht sich White natürlich im Recht. Politisch sowieso: Die Wahl sei gestohlen, Joe Biden ein Sozialist.

Und auch, was die Pandemie betrifft. «Sie meinen die ‹fake flu›?», antwortet er auf die Frage nach dem Coronavirus. Die gefälschte Grippe. Keine Sekunde haben Gary White und seine Frau Brenda daran geglaubt. Impfen lassen haben sie sich nicht. Und das werden sie auch nicht mehr tun.

Einige Ärzte sollte man ihrer Ansicht nach anklagen aufgrund ihrer Behandlungen der Covid-Patienten. Nur schlimmer gemacht habe es das. Ausserdem sei das, was man bekommen würde, auch keine einfache «Impfung». Alle sollten nur abwarten und sehen, was als Nächstes passiert. Gary und Brenda White jedenfalls kommt ein Corona-Impfstoff nicht in den Arm, sagen sie. 

Politiker wie der republikanische Senator Ron Johnson aus Wisconsin verstärken die Zweifel und Falschinformationen. Johnson, der selbst an Corona erkrankt war, sagte in einem Interview mit dem konservativen Podcast The Vicki McKenna Show, Tausende Menschen seien nach einer Covid-Impfung gestorben. Zahlen, die nicht den Tatsachen entsprechen, keine wissenschaftliche Grundlage haben. Gary White aber glaubt an solche Aussagen. «Man muss sich nur die Zahlen anschauen», sagt auch er. Welche genau, da wird es schwammig.

Rep. Matt Gaetz, R-Fla., left, and Rep. Marjorie Taylor Greene, R-Ga., addresses attendees of a rally, Friday, May 7, 2021, in The Villages, Fla. (AP Photo/Phelan M. Ebenhack)

Matt Gaetz und Marjorie Taylor Greene am 7. Mai in The Villages, Florida. Bild: keystone

Die Whites gehören zu den radikalen Impfverweigerern in den USA. Skeptiker dagegen gibt es viele – mit ganz unterschiedlichen Beweggründen. Draussen vor der Tür demonstriert Bud Hurley mit ein paar Freunden gegen den Auftritt von Greene und Gaetz, die er für demokratieschädigend hält.

Hurley ist Demokrat, glaubt an den Staat und fürchtet die Entwicklung der republikanischen Partei. Geimpft aber ist der 75-Jährige noch nicht. «Ich gebe zu, ich war am Anfang skeptisch.» Die Impfstoffentwicklung sei unter Donald Trump losgegangen, da habe er kein Vertrauen gehabt, sagt Hurley. Auch das Tempo der Wissenschaft habe ihn überrascht. Dann hat er sich informiert, sagt er. Viel online gelesen, Medien konsumiert. Und hat sich überzeugen lassen. Er hat nun einen Impftermin.

Vertrauen aufbauen, das ist in diesen Tagen für die Regierung und die Gesundheitsexpertinnen wohl das wichtigste Instrument. Und Anreize schaffen. Bier, Donuts, Joints oder gar Bargeld werden mittlerweile quer durchs Land angeboten, damit sich mehr Menschen impfen lassen. Disney, das in Florida gleich mehrere gut besuchte Resorts betreibt, verspricht seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Einmalzahlung. Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob das Anreizsystem einen erheblichen Unterschied machen kann. Aber im Versuch, der Herdenimmunität doch noch nahezukommen, wird das Land kreativ.

Am Dienstag kündigte Präsident Joe Biden an, dass alle, die sich impfen lassen wollen, kostenlos mit einem Uber oder Lyft zu einer Impfstelle fahren können. Bequemlichkeit und Flexibilität als Anreiz. Nicht nur für die, die skeptisch sind, sondern auch für diejenigen, die bislang keinen leichten Zugang zu Impfungen hatten oder die Zeit nicht investieren wollten. Statt grosser Zentren soll es nun mehr mobile Kliniken im Land geben, um direkt in den Wohnvierteln impfen zu können.

Alles in diesem Land ist politisch

Auf dem Parkplatz des Valencia College werden die Zelte bereits verkleinert, am 25. Mai soll die Impfstelle komplett geschlossen werden. Ein paar Meilen entfernt in Oak Ridge, einem eher einkommensschwachen Viertel von Orlando, ist eine der mobilen Kliniken aufgebaut, die täglich an anderen Orten in Florida stehen. Nicht mehr als eine kleine Ecke vor einem Supermarkt und ein paar Shops nimmt sie ein.

15 Leute arbeiten an diesem Tag hier. Sie versuchen, die Menschen auf dem Weg vom Laden zu ihren Autos ganz gezielt anzusprechen, um sie unter die Pavillons auf die Klappstühle zu locken. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Auch hier ist es ein träger Nachmittag. Manche, denen das gelbe Absperrband und die Hinweisschilder auffallen, schauen herüber, halten kurz inne und gehen doch weiter. Impfen, das ist in den Vereinigten Staaten zu einem mühsamen Geschäft geworden.

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit online» veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

1 / 59
Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie
quelle: keystone
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

So sieht die Welt nach der Maskenpflicht aus

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Schweiz kriegt bald eine neue Risikoländer-Liste – das sind die Details

Der Bund will mitten in den Sommerferien die Risikoländer-Liste aktualisieren. Die Details zu den Plänen und was das für Betroffene bedeutet.

Ferienlustige staunen derzeit beim Anblick der Schweizer Corona-Risikoländerliste nicht schlecht. Sie wurde am 26. Juni 2021 zuletzt aktualisiert und enthält eigentlich nur drei Staaten: Indien, Nepal, Grossbritannien (und ein paar dazu gehörige Inseln). Für die Sommerferien war das bislang eine gute Nachricht, weil sie Ferienreisenden nicht in die Quere kam.

Zumindest für Leute, die nicht in der Schweiz wohnen oder den Schweizer Pass haben, dürfte es demnächst eine Aktualisierung geben. Es …

Artikel lesen
Link zum Artikel