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Charles Sobhraj (Tahar Rahim) und «Ehefrau» Marie-Andrée Leclerc (Jenna Coleman): Rockstars unter den Gesetzlosen. Bild: Netflix/BBC

Review

Ein Mensch randvoll mit Bösem: Die True-Crime-Serie «The Serpent» von Netflix und BBC

Zwei Giganten haben ein Werk aus Schönheit und Kälte geboren: «The Serpent» zeigt die wahre Geschichte des Serienmörders Charles Sobhraj. In England war die Serie schon ein Riesenhit, in der Netflix-Gunst der Schweiz liegt sie ebenfalls sehr weit vorn.



Der Reiz dieser Serie liegt auf ihrer Oberfläche. Sie ist vollkommen schön. Sie macht süchtig. Wird zu einem delirierenden Sichverlieren in bunten Bildern schöner Menschen und Welten. Asien in den 70er-Jahren. Thailand, Indien, Nepal. Städte voller Hippies, Drogen und Juwelen, ein einziger Hipstamatic-Orgasmus. Ein Kaleidoskop aus Fernweh und Nostalgie, wie es zu Corona-Zeiten nicht perfekter einschlagen könnte. Darunter gähnt existenzielle Leere.

«The Serpent» ist acht Folgen lang Radikalurlaub: Vom Winter, von Corona, von der Schweiz – und von jeglicher Moral. Denn der Protagonist der Serie ist genau so schön und leer wie sie selbst. Er ist der entmenschlichte Mensch. Oder ein Mensch randvoll gefüllt mit Bösem. Sein Name: Hotchand Bhawnani Gurumukh Charles Sobhraj, bekannt als Charles Sobhraj, der Vater ist Inder, die Mutter Vietnamesin – gespielt wird er vom algerischsstämmigen Franzosen Tahar Rahim. Sobhraj selbst verbringt mit seiner Mutter und seinem französischen Adoptivvater eine unglückliche Kindheit in Frankreich und wird schon als Jugendlicher kriminell.

Trailer zu «The Serpent»

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Video: YouTube/Netflix

Von «Beruf» ist Charles Juwelen- und Drogenhändler, aus Berufung wird er zum Serienmörder von Hippie-Touristen. Ein Backpacker-Slasher, wie ihn kein Horrorfilm über blauäugige Abenteuer-Touristen grausamer hätte erfinden können. Zwölf seiner Opfer aus den Jahren 1975 und 1976 sind bekannt, es dürften mehr gewesen sein. Charles Sobhraj, der heute 77 Jahre alt ist und in Nepal im Gefängnis sitzt, liebt die Aura des Geheimnisvollen noch immer viel zu sehr, um restlos auszupacken.

Sobhraj muss man sich in den 70ern als Mischung zwischen einem enorm weltgewandten Männermodel und einem Guru vorstellen: Seine Opfer vertrauten ihm bedingungslos, sie lebten oft bei ihm und seiner frankokanadischen Komplizin Marie-Andrée Leclerc (Jenna Coleman) in Bangkok, liessen sich in seine Deals einspannen, und wenn es ihnen zu brenzlig wurde, schaffte er sie aus dem Weg, behielt ihre Pässe und reiste damit ungeniert durch die Welt. Er liebte es, Opfer wie Behörden bis zur Besinnungslosigkeit zu verwirren, er war ein Meister der falschen Fährten und des multiplen Betrugs. Mehrere seiner Opfer vergiftete er, nur um sie danach mit noch mehr Gift aufopferungsvoll in den Tod zu «pflegen». Beamte liessen sich von ihm bestechen.

The Serpent

Gedreht wurde «The Serpent» in Thailand und mit coronabedingter Pause in England, das alle weiteren Länder darstellen musste. Bild: Netflix/BBC

Als «The Serpent» am 1. Januar 2021 auf BBC startete, fragte sich die Kritik besorgt, ob man wirklich eine weitere Serienmörder-Geschichte brauche, und ob Rahmin und Jenna Coleman – eben noch Queen Victoria in der Serie «Victoria» – nicht allzu glamourös und die historischen Taten verklärend daherkämen.

Zudem hatten die beiden Drehbuchautoren Richard Warlow und Toby Finlay eine sich verwirrend daherschlängelnde Erzählstruktur gewählt: Es gibt unnötig viele Zeitsprünge, kaum hat man sich mal in einem Erzählstrang eingerichtet, springt man auch schon wieder acht Monate zurück oder drei Wochen nach vorn.

Aber natürlich ist das Absicht und trägt zum allgemeinen Flirren bei, das Sobhraj und Leclerc gemeinsam in den Köpfen der andern anrichten. Und siehe da, nach kürzester Zeit hing das Publikum an der hypnotischen Angel und «The Serpent» bescherte BBCiPlayer die einschaltstärkste Woche aller bisherigen Zeiten.

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Ein harmloser Schwatz unter Nachbarinnen? Die Französin Nadine Gires (Mathilde Warnier) mit Marie-Andrée Leclerc. bild: netflix/bbc

Der junge niederländische Diplomat Herman Knippenberg (Billy Howle), der das Verschwinden eines jungen Paares aufzuklären versucht, bildet den Gegenpart zu den beiden Gangstern. Gemeinsam mit seiner Frau verkörpert er die menschliche Seite der Serie, ein Mann voller Mitgefühl und Verantwortung, mit dem wir um das Wohl der Opfer und ihrer Angehörigen bangen.

Man hat das schon oft gesehen, den Täter und seinen Verfolger und wie sie sich obsessiv ineinander verknäueln, wie die Kaltblütigkeit des einen die analytische Ohnmacht des andern vorzuführen vermag, und dass all dies noch weit spannender ist und fassungsloser macht, wenn es sich um einen historischen Fall handelt.

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Herman Knippenberg (Billy Howle, Mitte) setzt Karriere, Ehe und geistige Gesundheit aufs Spiel, um Sobhraj zu überführen. Bild: Netflix/BBC

Doch das Verrückte und Verrücktmachende an «The Serpent» ist nicht, dass man Sobhraj und Leclerc, diese Rockstars unter den Gesetzlosen, irgendwie entschuldigt, dazu ist er zu böse und sie zu folgsam. Sondern dass man genau weiss: Okay, auch ich wäre ihnen in der schimmernden Realität von damals und auf der Suche nach dem absoluten Glück erlegen. Auch mich und mein Leben hätten sie gekriegt.

P.S. Sobhraj wird 1976 in Indien verhaftet – und wird es schaffen, dass er in den kommenden Jahrzehnten der Todesstrafe, die ihn in Thailand erwartet, entgeht und ein paar Jahre lang in Frankreich in Freiheit lebt. Bis er sich rätselhafterweise entscheidet, nach Nepal zurückzukehren, wo er bis heute in Haft sitzt. Die ebenfalls inhaftierte Leclerc darf 1983 todkrank nach Kanada ausreisen, wo sie 1984 mit 38 Jahren stirbt. Doch das ist eine Geschichte, die erst beginnt, als «The Serpent» schon vorbei ist.

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