Schweiz
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Die Corona-Testzahlen gehen zurück – wegen dieser 6 Hürden

Nun stehen in der Schweiz genügend Corona-Tests zur Verfügung. Doch nur die Hälfte der 70'000 Tests wird genutzt. Das sind die Gründe.

Bruno Knellwolf / ch media



Corona-Test im Drive-in in Yverdon-les-Bains: Es dauert nur drei Minuten.

Corona-Test im Drive-in in Yverdon-les-Bains (Archivbild). Bild: sda

In der Schweiz geht die Anzahl der Corona-Tests zurück. Allein in einer Woche um 15 Prozent. So haben sich die Experten des BAG gestern zwar positiv zur Entwicklung der Fallzahlen geäussert. Das erste Etappenziel sei erreicht mit der momentanen Halbierung der Fallzahlen alle zwei Wochen, sagt der Präsident der Covid-19-Taskforce Martin Ackermann.

Wünschenswert wäre nach dem obersten Kantonsarzt Rudolf Hauri aber, dass sich mehr Menschen testen lassen würden. «Die Testkapazitäten sind ausgebaut, aber sie werden zu wenig genutzt. Das zeigt sich auch an der nach wie vor hohen Positivitätsrate von 20 Prozent, die auf viele unerkannte Fälle hindeutet», sagt Hauri. Tatsächlich ist Bundesrat Bersets Ziel von 80'000 Tests pro Tag beinahe erreicht. «Die Testkapazität beläuft sich derzeit auf rund 70'000 pro Tag, PCR und Schnelltests. Es stehen genügend Tests zur Verfügung», sagt Jonas Montani vom Bundesamt für Gesundheit. Nur die Hälfte wird genutzt.

Mit einer Test- und Coronamüdigkeit hat das gemäss dem Verhaltensforscher Marc Höglinger aber kaum zu tun. Er analysiert an der Hochschule ZHAW in Winterthur laufend das Corona-Verhalten der Bevölkerung. Die Testbereitschaft habe sich kaum verändert. Es gebe aber andere Einflüsse auf die tieferen Testzahlen als die individuelle Haltung zu Tests. Weniger getestet wird auch, weil es nun weniger positive Fälle gibt und damit auch weniger Kontakte, die sich testen lassen müssen. Zudem sinkt auch die Anzahl Personen, die vom Contact-Tracing kontaktiert und zum Test aufgefordert werden. Woran die tieferen Testzahlen liegen, können weder Hauri, Ackermann noch Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle des BAG, genau sagen. Hinweise auf mögliche Hürden gibt es aber schon.

Hürde 1: Angst vor Isolation und Quarantäne

Die Angst sich davor, sich nach einem Test in Isolation oder in Quarantäne begeben zu müssen, hält einige davon ab, sich bei einem leichten Verdacht testen zu lassen. Das räumt auch der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri ein. Auch der Verhaltensforscher Marc Höglinger von der Winterthurer Hochschule ZHAW. «Das wird sicher bei einigen eine Rolle spielen, die keine sehr klaren Symptome aufweisen. Denn ein Entscheid zum Testen ist gleichzeitig ein Entscheid für die Isolation bis das Testresultat vorliegt» Diese Zeitspanne sollte gemäss dem Verhaltensforscher deshalb so kurz wie möglich gehalten werden, unter anderem auch mit Schnelltests. «Und eventuell sollte man auch überlegen, ob die Isolation zwischen Test und Testresultat wirklich für alle verpflichtend sein soll. Denn wenn sie dazu führt, dass sich weniger Leute testen lassen, ist damit nichts gewonnen - im Gegenteil.»

Hürde 2: Nur Menschen mit Symptomen können sich testen lassen

Tatsächlich darf sich gemäss dem BAG nur testen lassen, wer Symptome hat, oder wenn der Arzt den Test für einen symptomfreien Patienten ausdrücklich verordnet hat. Nur dann ist ein Test gratis. Das stört den Präsidenten des Schweizerischen Apotheken-Verbands Fabian Vauchet, wie er im Mittagsjournal auf Radio SRF1 gesagt hat. «Wir sind mit dem Bund im Clinch, weil wir Kunden ohne Symptome nicht testen dürfen.» Der Kunde sollte aber selber entscheiden dürfen. Zudem gebe es Arbeitgeber, die von ihren Arbeitnehmern einen wöchentlichen Corona-Test forderten. Das sei mit der Verordnung nicht erlaubt, aber ein Bedürfnis der Wirtschaft, sagt Vauchet. Und das würde die Testzahlen erhöhen und wohl auch die Positivitätsrate senken.

Hürde 3: Erreichbarkeit

Hauri wird darauf angesprochen, dass in Bern Menschen vom Testzentrum weggewiesen werden, wenn sie unter 38 Grad Fieber haben, trotz enger Kontakte zu Infizierten. Das hält der Chef der Kantonsärzte für falsch. Tests müssten auch bei milden Symptomen gemacht werden, auch unter 38 Grad Temperatur. Masserey betont mehrfach und mit Nachdruck, dass nach wie vor bei sämtlichen Krankheitssymptomen getestet werden müsse. Ein Anreiz für Tests wäre, wenn man bei einem negativen Test, die Quarantäne früher verlassen könnte. Da äussert sich die Nachfolgerin von Koch und Kuster zurückhaltend. Es sei nicht der Moment, solche Risiken einzugehen.

Hürde 4: Schnelltests

Virginie Masserey sieht Schnelltests vornehmlich als Möglichkeit, um rasch herauszufinden, wer infiziert ist und wer nicht. Sie seien deshalb besonders bei Infektionsherden geeignet. «Ebenso können sie in Alters- und Pflegeheimen verwendet werden.» In Basel-Stadt ist diese Woche ein solches Pilotprojekt gestartet worden. In einem Alters- und Pflegeheim wird das gesamte Personal jeden Morgen schnell getestet. Wer negativ ist, darf ins Altersheim zur Arbeit. Vier der 30 Tests an Mitarbeitenden waren positiv, die Mitarbeiter hatten keine Symptome und hätten die Infektion ohne Schnelltest nicht bemerkt. In diesem Altersheim ist jetzt schon ein Viertel der Bewohner positiv. Sollte sich das zweiwöchige Pilotprojekt erfolgreich verlaufen, will die Basler Regierung die Schnelltests auch in anderen Altersheimen durchführen, um die Sicherheit zu erhöhen.

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Hürde 5: Kommunikation

Die Kommunikation könnte verbessert werden, räumt Rudolf Hauri ein. Dann würde es vielleicht gelingen, auch die Ärzteschaft zu animieren, so wie die Apotheken und Testzentren etwas mehr zu testen. «Wir müssen vermehrt darauf hinweisen, dass man nicht mehr lange warten muss, wenn man zum Test geht. Und dass die Kosten getragen werden». Marc Höglinger blickt noch etwas weiter zurück: «Die Schweiz hat über den Sommer ihre Testkapazitäten zu wenig ausgebaut und im Herbst kam es dann mit dem Anstieg der Infektionen zu den bekannten Engpässen. Obwohl dies mittlerweile behoben sein sollen - die Bilder von den Schlangen vor den Testzentren, Geschichten von tagelangen Wartezeiten auf das Testresultat und die damals unklaren Angaben, wer sich überhaupt testen lassen darf, wirken vermutlich noch nach.» Mittlerweile kann sich jede und jeder mit Symptomen gratis testen lassen. «Hier kann aber sicher noch besser kommuniziert werden.»

Hürde 6: Massentests

Was den Einsatz von Massentests betrifft, ist Virgine Masserey vom BAG zurückhaltend. Dafür müsste man Schnelltest einsetzen. «Diese sind aber nicht geeignet für Menschen ohne Symptome.» Das BAG beobachte jedoch jene Länder genau, in denen Massentests durchgeführt würden.

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