Schweiz
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28.10.2020, Nordrhein-Westfalen, Essen: Mitarbeiterinnen der Pflege in Schutzausrüstung betreut einen Corona-Patienten. Menschen mit Corona-Infektion werden auf der Intensivstation IT2 im Operativen Zentrum II des Universitätsklinikum Essen behandelt. Foto: Fabian Strauch/dpa - ACHTUNG: Teile des Bildes wurden aus rechtlichen Gründen gepixelt +++ dpa-Bildfunk +++

«Es gibt wirkliche Überlastungen der Spitäler»: Nabarro über das Gesundheitswesen in der Schweiz. Bild: keystone

Interview

«Schweiz braucht robustere Strategie» – WHO-Experte kritisiert Corona-Politik

David Nabarro, Sondergesandter der Weltgesundheitsorganisation, fordert eine bessere Corona-Strategie und verweist auf asiatische Länder.

niklaus vontobel / schweiz am wochenende



David Nabarro arbeitet seit über zwei Jahrzehnten für die UNO und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Krisenmanager. Der in London geborene Arzt leitete den Kampf der UNO gegen die Vogelgrippe, gegen Ebola und gegen Cholera auf Haiti. 2017 unterlag er als Kandidat auf den WHO-Chefposten dem heutigen Amtsinhaber. Aktuell ist er WHO-Sondergesandter im Kampf gegen Covid-19.

Herr Nabarro, die Schweiz hat eine der weltweit höchsten Zahlen an täglichen Neuansteckungen, gemessen an der Bevölkerung. Die besten Zahlen haben asiatische Länder wie Taiwan oder Südkorea. Kann die Schweiz etwas von ihnen lernen?
David Nabarro: Ja, solche Lehren gilt es tatsächlich zu ziehen, in ganz Europa. Grundsätzlich gilt: Man muss schnell auf das Virus reagieren, robust und entschlossen – vor allem zu Beginn, wenn sich das Virus langsam in verschiedenen Gemeinden verbreitet. Reagiert man halbherzig, wird das Problem sehr schnell grösser. Entsprechend muss auch die Reaktion grösser ausfallen.

Die Hausaufgaben im Sommer nicht gemacht: David Nabarro, Covid-19-Sondergesandter der Weltgesundheitsorganisation WHO, kritisiert die Corona-Strategie der Schweiz. (Archivbild)

David Nabarro ist Sondergesandter der WHO im Kampf gegen Covid-19. Bild: sda

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Weil die Fallzahlen exponentiell steigen?
Ja, das Virus verbreitet sich nicht arithmetisch, sondern exponentiell. Sehr wenige Entscheidungsträger haben das verstanden. Leider. Exponentiell bedeutet, die Zahlen können 8 Mal in einer Woche steigen, 40 Mal in zwei Wochen, 300 Mal in drei, über 1000 Mal in vier, und so weiter.

Bis nur noch ein Lockdown hilft?
Die Herausforderung für viele westeuropäische Länder ist es, das Virus wieder in den Griff zu bekommen – ohne auf einen Lockdown zurückgreifen zu müssen. Weil das ein überaus krudes Instrument ist. Man bezahlt einen hohen Preis dafür.

Ostasien taugt da als Vorbild?
Die Massnahmen dort haben ein paar Eigenschaften gemein. Eine ist: Die Menschen sind voll engagiert. Sie nehmen Verhaltensweisen an, die es dem Virus schwer machen. Sie halten Distanz zueinander; tragen Masken; isolieren sich, wenn sie krank sind; halten sehr gründlich Hygiene; schützen die gefährdetsten Gruppen.

«Die europäischen Reaktionen waren unvollständig. Sie haben es verpasst, die nötige Infrastruktur aufzubauen in den Sommermonaten.»

Das machen die Menschen in Ostasien besser als in Europa?
Das ist so. Weil es eine sehr klare Kommunikation gibt zwischen Behörden und Einwohnern. Es wird nur eines gesagt: Wenn wir wollen, dass unsere Wirtschaft stark ist und dass wir unsere Freiheiten behalten, müssen wir uns an ein paar grundlegende Dinge halten.

Es wird also nicht gesagt, es gelte, ein Gleichgewicht zu finden zwischen Wirtschaft und Gesundheit?
Nein, niemals. Es wird immer gesagt: Um die Wirtschaft richtig hinzubekommen, müssen wir die Gesundheit richtig hinbekommen. Es gibt kein «entweder oder», nur «sowohl als auch».

Das ist das Geheimnis?
Ein anderes Element, das sehr klar ist in Ostasien: Wenn man die Fallzahlen hinuntergebracht hat, lockert man die Massnahmen nicht. Man wartet, bis die Fallzahlen tief sind und tief bleiben. Erst muss man vorbereitet sein, um künftige Ausbrüche zu stoppen.

Europa hat sich nicht an diese Grundregeln gehalten?
Die europäischen Reaktionen waren unvollständig. Sie haben es verpasst, die nötige Infrastruktur aufzubauen in den Sommermonaten, nachdem sie die erste Welle unter Kontrolle gebracht hatten. Nun haben sie die zweite Welle. Wenn sie nicht handeln, werden sie eine dritte Welle haben, und zwar Anfang des nächsten Jahres.

«Es braucht eine sehr genaue Überwachung der Menschen, sodass man Ansteckungen entdeckt.»

Viele haben den Eindruck, die Massnahmen gegen Covid-19 schaden der Wirtschaft.
Wir tun uns schwer damit, wenn das behauptet wird. Es gibt keinen Trade-off, keinen Zielkonflikt, man muss keinen Kompromiss finden zwischen Gesundheit und Wirtschaft. Das Gesundheitsproblem muss gelöst werden.

Das fällt vielen Menschen schwer zu glauben, wenn es zu einem Lockdown kommt.
Das bedeutet nicht, dass man dieses Ziel mit einem Lockdown erreichen sollte. Lockdowns sind das letzte Mittel, ein Zeichen des Scheiterns. Es braucht Strategien, damit alle Gemeinschaften in der Lage sind, Ausbrüche unter Kontrolle zu bringen. Das ist essenziell.

Welche Rolle sehen Sie für das Contact-Tracing?
Das Wichtigste ist, dass jede Gemeinde in jedem Land Folgendes kann: infizierte Personen entdecken, Ansteckungen unterbrechen und wenn die Fallzahlen steigen, diese Ausbrüche eindämmen. Natürlich muss man Ansteckungsketten frühzeitig unterbrechen können: Wenn es noch bloss ein paar wenige Fälle sind, bevor die Fallzahlen exponentiell ansteigen. Das alles muss auf lokaler Ebene organisiert sein.

Die Kantone sind zu weit weg?
Es muss in jeder Gemeinde die nötigen Kapazitäten haben, um mit Ansteckungen umzugehen. Es reicht nicht, wenn diese auf kantonaler Ebene sind. Es muss ganz unten bei den Gemeinden sein. Es braucht eine sehr genaue Überwachung der Menschen, sodass man Ansteckungen entdeckt.

Eine Contact Tracerin und Mitarbeiter des Zivilschutzes arbeiten waehrend einem Besuch von Bundesrat Alain Berset in einem Contact Tracing Zentrum des Kantons Waadt, am Montag, 26. Oktober 2020 in Lausanne. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Zivilschützer helfen beim Contact-Tracing mit, wie hier im Kanton Waadt. Bild: keystone

Klingt nach Überwachungsstaat.
Das hat nichts zu tun mit individuellen Freiheiten. Es braucht ein funktionierendes System, damit das Virus unter Kontrolle bleibt. Zum Beispiel muss die Isolierung total sein. Es reicht nicht, wenn man die Menschen in Selbstisolation schickt, und sich dann nicht darum kümmert, ob sie nach zwei Tagen wieder herauskommen. Sie müssen sich tatsächlich isolieren. Die Behörden müssen das prüfen. Das ist zu heikel, man kann es nicht Einzelpersonen überlassen. Die Lage in der Schweiz ist zu ernst, als dass man es einzelnen Personen überlassen könnte.

Wie beurteilen Sie die Lage in der Schweiz?
Sie arbeiten ja in Genf, haben Schweizer Bekannte. Die Schweiz hat so hohe Fallzahlen, vor allem die Westschweiz, dass es eine viel robustere Strategie braucht von den Behörden und den Einwohnern.

«Es überrascht mich, dass es nicht als nationaler Notstand behandelt wird.»

Waren Sie persönlich betroffen?
Ich habe Schweizer Freunde, die unter schweren Covid-Erkrankungen leiden. Einen hat es sehr schwer getroffen, er lebt im Kanton Waadt. Er konnte keinen Platz mehr finden in einem Spital. Obschon er wenig Sauerstoff im Blut hatte. Es gab schlicht keinen Platz mehr. Ich glaube wirklich, in dieser Art von Situation, mit sehr vollen Spitälern, muss dies als hohe Priorität behandelt werden von den Behörden. Das passiert bestimmt, aber ich weiss nichts davon.

Was sagen Ihre Bekannten?
Ich frage sie, hat dich jemand kontaktiert? Weisst du, wer für dich verantwortlich ist, falls du krank wirst? Und sie sagen Nein. Das ist überraschend in einem Landesteil mit einer der höchsten Fallzahlen in Europa. Seltsam. Es überrascht mich, dass es nicht als nationaler Notstand behandelt wird.

Müssen die Massnahmen nicht der Kultur angepasst sein? Hierzulande wird vielleicht individuelle Freiheit höher gewichtet als in Asien.
Ich bin einfach besorgt. Es könnte in der Schweiz ein sehr hohes Niveau erreicht werden von Erkrankungen und Todesfällen. Die Fallzahlen sind extrem hoch in den Kantonen Genf, Waadt und Wallis. Es gibt wirkliche Überlastungen der Spitäler. Es ist eine extrem ernste Situation. Wir sollten sicher zugleich über individuelle Freiheit sprechen. Aber will die Schweizer Bevölkerung wirklich alarmierend hohe Zahlen von Toten sehen und von Menschen mit Langzeitfolgen? Wenn das passieren würde, wäre es auf Jahre hinaus eine Herausforderung. Es ist ein Notfall.

Wobei in Europa viele Länder mit hohen Fallzahlen kämpfen.
Es geht nicht nur um die Schweiz. Andere Länder müssen dieselbe Realität konfrontieren. Dieses Virus wird nicht auf einmal müde und wieder verschwinden. Wir wissen mittlerweile: Es hat Langzeitfolgen für einen von 20 Angesteckten. Es beschädigt die Organe. Es geht auch um junge Menschen und solche im mittleren Alter. Es ist keine triviale Krankheit, sondern eine sehr ernsthafte.

Kann man Sie so verstehen: Wenn man das Virus unter Kontrolle hat, kann man Freiheiten erhalten; verliert man die Kontrolle, muss man eine Wahl treffen?
Das kann man so sagen. Wenn man das Virus zurückhalten kann mit einer wirklich robusten Verteidigung, dann ist es absolut möglich, ein Leben mit vielen Freiheiten zu haben. Man kann in Nachtclubs gehen. Oder Halloween feiern, wie sie es in Südkorea getan haben. Es gibt ein paar Einschränkungen, vor allem wenn sich das Virus in einem Landesteil verbreitet. Aber das wissen sie in Südkorea und sie haben sich damit arrangiert. Das hat nichts zu tun mit politischen Philosophien oder kulturellen Unterschieden.

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