Schweiz
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Prätriage-Zelt auf dem Vorplatz: Momentan lassen sich etwa 200 Personen täglich am Universitätsspital Zürich auf das Coronavirus testen. bild: zvg

Interview

Chefärztin Notfall am Unispital Zürich: «Das ist der Beweis, dass Masken nützen»

Die Chefärztin des Notfalls am Universitätsspital Zürich, Dagmar Keller, erzählt im Interview, wie ihr Team die aussergewöhnliche Zeit meistert, was für Erfahrungen sie mit Schutzmasken gemacht hat und was sie von den Demos der Corona-Skeptiker hält.



Frau Keller Lang, wie sieht es momentan am Unispital Zürich aus? Ist die zweite Corona-Welle schon voll angerollt?
Es gibt zurzeit viele Leute, die sich hier auf das Coronavirus testen lassen. Auf dem Vorplatz haben wir eine Prätriage, wo die Patienten mit COVID-Verdacht entweder nur für einen Abstrich in die Abstrich-Station geschickt werden oder wirklich kranke COVID-Verdachtspatienten direkt in den Notfall zur Abklärung und Behandlung kommen. Ich denke, wir stehen am Anfang einer zweiten Welle. Wir sind auf der Kippe.

Wie viele Leute mit Covid-Verdacht kommen täglich zum Test?
Das sind momentan etwa 200. 90 Prozent dieser Personen werden nach dem Test gleich wieder nach Hause in die Isolation geschickt. Etwa zehn Prozent der Fälle kommen auf den Notfall, da sie bereits starke Symptome zeigen. Das sind momentan rund zwanzig Personen pro Tag. Einige von denen dürfen dann aber in den nächsten Stunden wieder nach Hause, andere werden auf die Station verlegt. Wenn der Gesundheitszustand besonders schlecht ist, dann kommt der Patient direkt auf die Intensivstation. Hinzu kommen etwa 100 Notfälle, welche nichts mit dem Coronavirus zu tun haben.

Werden momentan viele Covid-Patienten stationär behandelt?
Momentan ist die Hospitalisierungsrate relativ tief. Aber wir sind sehr wachsam, die Situation kann sich schnell wieder ändern.

Zur Person

Frau Prof. Dr. med. Dagmar Keller Lang ist seit sechs Jahren Direktorin des Instituts für Notfallmedizin am Universitätsspital Zürich. Ihr Team besteht aus rund 200 Personen.

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Dagmar Keller Lang. bild:zvg

Was ist der Grund für die tiefe Hospitalisierungsrate?
Es lassen sich viel mehr Personen testen als noch zu Beginn der Pandemie ...

... und es sind vor allem junge Leute, die sich infizieren.
Ja, bei denen ist der Krankheitsverlauf oft mild. Aber Achtung: Wir haben auch junge, sportliche Patienten mit schwerer Atemnot.

Es scheint, als würde die ältere Generation momentan vom Virus nicht so hart getroffen.
Ich glaube, die älteren Leute, also allgemein die Risikogruppen, sind sich der Gefahr jetzt wirklich bewusst. Diese isolieren sich stärker und halten sich strikter an die Hygienemassnahmen.

Die Todesrate ist in der Schweiz viel tiefer als etwa in Spanien oder Italien. Wie erklären Sie sich das?
Das können wir uns tatsächlich nicht erklären. Diese Länder sind ebenfalls hoch entwickelt.

Gibt es allgemein vieles, das man noch nicht über das Virus weiss?
Ja, das ist so. Wir wissen zum Beispiel noch nicht, weshalb junge, gesunde Leute schwer erkranken und sogar
an Covid-19 sterben. Wir wissen gleichzeitig auch nicht genau, weshalb gewisse Leute gar keine Symptome entwickeln. Dann gibt es natürlich ungeklärte Fragen um Medikamente und den Imfpstoff. Vieles wissen wir noch nicht, aber wir lernen laufend dazu.

Über die Langzeitschäden ist natürlich auch noch nicht alles bekannt ...
Da gibt es laufend neue Erkenntnisse. Es gibt viele Patienten, die leiden auch nach Wochen noch unter Atemnot. Andere haben psychische Probleme. Wiederum gibt es Patienten, die sich vollständig erholen.

Haben Sie Angst vor Engpässen im Winter?
Das haben wir alle im Moment. Wenn die Grippesaison anrollt und die Corona-Fallzahlen weiterhin steigen, wird die Belastung des Gesundheitssystems stark zunehmen. Davon sind nicht nur wir in den Spitälern betroffen, sondern etwa auch die Hausärzte.

Trotzdem hat der Bundesrat ab dem 1. Oktober wieder Grossveranstaltungen erlaubt. Wie beurteilen Sie das?
Das wird sehr kritisch.

Hockey-Hallen zu zwei Dritteln gefüllt. Leute, die ohne Maske Bier trinken. Kann das gut gehen?
Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Schutzkonzepte in der Realität auch umgesetzt werden können. Wenn Menschen nebeneinander ein Bier trinken und mehr als 15 Minuten den Mindestabstand nicht einhalten, kann es zur Übertragung kommen.

«Heute wissen wir, wie ein Krankheitsverlauf sein kann und wir haben gelernt, wie wir mit den grossen Massen an Patienten umgehen müssen.»

In Freiburg gerieten die Spitäler bereits an ihre Grenzen, als es in einem Pflegeheim zum Corona-Ausbruch kam ...
Solche Fälle beobachten wir natürlich sehr genau. Wir versuchen daraus unsere Lehren zu ziehen. Wir in Zürich versuchen, dass die Patienten in einem solchen Fall direkt in den Pflegeheimen isoliert und nicht hospitalisiert werden.

Wie viel hat eigentlich zum Limit gefehlt im Frühling?
Es war nie so, dass es richtig knapp wurde. Man muss aber auch sehen, dass wir den weiteren Spitalbetrieb damals
stark heruntergefahren haben. Das hatte Folgen für viele Patienten, die etwa ihre Operationen verschieben mussten. Und auch die finanziellen Folgen für das Spital darf man nicht unterschätzen. Ein solches Szenario will niemand mehr.

Sind Sie jetzt besser vorbereitet als noch im März?
Wir hatten hier am Universitätsspital Zürich bereits im Januar einen Patienten aus Wuhan, der Symptome zeigte. Am Ende stellte sich heraus, dass er nicht mit dem Coronavirus infiziert war. Das wussten wir aber zunächst nicht, da es keine Tests gab. Damals waren wir alle sehr nervös, weil wir noch so wenig über das Virus wussten. Heute wissen wir, wie ein Krankheitsverlauf sein kann und wir haben gelernt, wie wir mit den grossen Massen an Patienten umgehen müssen.

Gibt es Behandlungen, die gut anschlagen, von denen man im Frühling noch wenig wusste?
Da laufen zur Zeit viele Studien. Aber wir beobachten, dass die Behandlung mit dem Medikament Remdesivir teilweise gute Resultate erzielt. Gewisse Patienten therapieren wir mit Cortison, auch da gibt es teilweise Erfolge. Die Plasmatherapie wird ebenfalls angewandt.

Ist ihr Team eigentlich nicht erschöpft?
Während der Pandemie hat unser Team ein witziges Notfallvideo gedreht, welches zum Team-Building während der anstrengenden und anspruchsvollen Zeit beigetragen hat. Man tauscht sich gegenseitig oft aus und spricht über die gemachten Erfahrungen. Das motiviert uns immer wieder aufs Neue.

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Willkommen im USZ-Notfall: Während der anstrengenden Zeit hat das Team dieses Video gedreht. Video: YouTube/Universitaetsspital Zuerich

Aber ja, die Arbeitsbelastung hat seit Januar merklich zugenommen. Zudem müssen wir immer wieder die Schutzkleidung an und abziehen. Das dauert zwar nicht sehr lange, aber man muss beim Umziehen sehr konzentriert sein.

«In den ersten drei Monaten der Pandemie habe ich gerade mal an einem Sonntag frei gemacht.»

Und man schwitzt wahrscheinlich unter der Schutzkleidung ...
Ja, es ist warm.

Haben Sie manchmal auch frei?
Ab und zu.

Das heisst?
Ich habe kürzlich mal nachgeschaut. In den ersten drei Monaten der Pandemie habe ich gerade mal an einem Sonntag frei gemacht.

Wie viele Leute aus Ihrem Team haben sich bis jetzt mit dem Coronavirus infiziert?
Bis jetzt noch gar niemand. Und das, obschon wir jeden Tag in direktem Kontakt mit Corona-Patienten sind. Das ist der Beweis, dass Masken nützen.

Nun gut, Sie kramen die Maske wohl auch nicht zwischen Smartphone und Schlüsselbund aus der Hosentasche hervor ...
Selbstverständlich nicht. Es ist schon wichtig, dass man richtig mit der Maske umgeht. Ich sehe immer wieder Leute, welche die Maske unter der Nase tragen. Oder solche, welche sie sich um den Ellenbogen spannen. So geht die Schutzwirkung verloren.

Aber man schützt ja immerhin die anderen, auch wenn man selbst eine unhygienische Maske anzieht?
Es ist besser als gar kein Schutz. Aber im Ernst: Es gibt genaue Vorgaben des BAG, wie man eine Maske anzuziehen hat. Daran sollte man sich halten.

Video: watson/Emily Engkent

Haben Sie genügend Schutzmaterial? Und wie war das im Frühling?
Im Frühling hatten wir einige Male Nachschub-Probleme. Wir konnten uns aber immer ausreichend schützen. Jetzt haben wir genug Material auf Lager.

Was glauben Sie, wie lange wird die Ausnahmesituation noch anhalten?
Das kann ich zurzeit nicht sagen. Mehrere Monate sicher. Covid-freie Weihnachten wird es nicht geben.

«Wenn wir eine gute Impfung haben, ist das hervorragend.»

Derweil hat sich in der Bevölkerung eine gewisse Sorglosigkeit ausgebreitet. Die Leute umarmen sich wieder, es werden Küsschen verteilt und Hände geschüttelt.
Das ist natürlich ein absolutes No-Go! Wir alle kennen die Vorschriften des BAG: Händewaschen, Abstand halten und falls dies nicht möglich ist, eine Maske tragen. Wenn wir das nicht konsequent umsetzen, werden die Hospitalisierungszahlen wieder ansteigen.

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Isolationszellen auf der Notfallstation am Universitätsspital Zürich. bild: zvg

Was wird die Impfung bringen?
Wenn wir eine gute Impfung haben, ist das hervorragend.
Wichtig ist allerdings, dass sich die Leute auch auf die Grippe impfen lassen. Denn die Symptome von Covid-19 und der Grippe lassen sich nicht unterscheiden. Jemand, der eine Grippe hat, wird trotzdem zu uns kommen und sich testen lassen. Das ist eine zusätzliche Belastung fürs Gesundheitssystem, die vermeidbar wäre.

Ab zur Grippe-Impfung also?
Die steht jetzt noch nicht bereit und kommt erst im Verlauf des Herbstes. Der Impfstoff wird jährlich neu hergestellt. Sobald die Dosen aber verfügbar sind, wäre eine möglichst breite Impfung der Bevölkerung sehr wünschenswert.

Am Wochenende haben in Genf rund tausend Menschen meist ohne Masken gegen die Covid-Massnahmen protestiert. Diese werden sich wohl weder gegen die Grippe noch gegen das Coronavirus impfen lassen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie solche Bilder sehen?
Für mich ist es unverständlich. Wenn es darunter nur einen Superspreader hat, können sich Dutzende Leute anstecken, von denen unserer Erfahrung nach sicher einige Spitalpflege benötigen. Diese Demonstrierenden sollten sich mal überlegen, was ihr Risikoverhalten für das Gesundheitspersonal, die Bevölkerung und die Wirtschaft bedeutet.

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