Schweiz
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Der schönste Moment auf dem Arbeitsweg mit dem E-Bike. bild: reto fehr

Kommentar

Ich wage es kaum zu sagen, aber ein E-Bike ist das Allerbeste, was ich mir je gönnte

Hach, wie ich E-Bikes verabscheute. Zumindest bis ich mir selbst eines kaufte. Jetzt kann ich sagen: Es ist die vermutlich allerbeste Erfindung der Welt. Und wer glaubt, dass man da nicht schwitzt, der irrt gewaltig. Denn es hat auch einen Nachteil.



Ich sag's grad am Anfang, dann ist es raus: Ich habe ein E-Bike gekauft.

Wer mich kennt, weiss: Ich habe über E-Bikes geflucht. Es gibt nicht viel Ärgerlicheres, als von einem Velofahrer fortgeschrittenen Alters in Alltagskleidern (und im schlimmsten Fall noch mit Chörbli am Lenker) locker überholt zu werden, während man selbst in totaler Velomontur gefühlt zügig unterwegs ist.

Schliesslich radelte ich bei watson 2015 mit der «Tour dur d'Schwiiz» alle Gemeinden der Schweiz ab, machte dabei während vier Monaten täglich rund 110 Kilometer und 1600 Höhenmeter und legte insgesamt eine Strecke zurück, wie wenn ich von hier nach Peking gefahren wäre. Ein E-Bike zu nutzen, wäre mir nicht im Traum eingefallen. Ein Arbeitskollege stichelte nach meinem Kauf drum: «Der Mann, der aus eigener Muskelkraft die Schweiz abfuhr, fährt jetzt mit Motörli.»

tour dur dschwiiz 95. etappe

Unser Autor radelte einst ohne Unterstützung und mit 20 Kilogramm Gepäck in jede Schweizer Gemeinde, heute fährt er (auch) E-Bike. Bild: KEYSTONE

«Tönsch chli wie än Sekteguru.»

Vorwürfe und Aussagen meiner Kollegen, deren Namen ich gerade vergessen habe, zu meiner E-Bike-Liebe.

Ja, genau so ist es. Und nein, ich schäme mich nicht mal dafür. Denn ich gehöre zur Ü40-Gruppe, da darf man alles. Im Gegenteil: Das E-Bike ist das Allerbeste, was ich je gekauft habe.

«Ich hasse E-Bikes, spätestens seit mich dieses Ömi am Stutz überholt hat.»

Vorwürfe und Aussagen meiner Kollegen, deren Namen ich gerade vergessen habe, zu meiner E-Bike-Liebe.

Aber klar: Häme und dumme Sprüche kommen seither von fast allen Seiten. Unser Blattmacher meinte, als ich ihm die Idee des Kommentars schmackhaft machen wollte: «Sowas schalten wir nicht auf – das ist Fake News.» Ein anderer Kollege, den ich beim «richtigen» Velofahren kennenlernte, begleitete alle meine Rechtfertigungsversuche mit einem leisen, aber konstanten: «Buuuuh.»

«Diese Midlifecrisis-Typen mit den neongelben Hightech-Velokleidern und dem teuersten E-Bike, das sie finden konnten. Die fahren rum, als wären sie Lance Armstrong und fühlen sich so geil und sportlich. Richtige Mç&?*$.

Vorwürfe und Aussagen meiner Kollegen, deren Namen ich gerade vergessen habe, zu meiner E-Bike-Liebe.

Dabei gibt es auch rationale Gründe für die Anschaffung. Es sind bei uns deren vier: Wir haben zwei kleine Kinder und sind als Familie gerne mit dem Velo unterwegs. Aber mit dem Anhänger wurde das – kaum ging es bergauf – so anstrengend, dass der Spass irgendwo auf der Strecke blieb.

«Aber das Bitterste ist: Ich glaube, es würde mir auch Spass machen, mit so einem Teil rumzufahren.»

Vorwürfe und Aussagen meiner Kollegen, deren Namen ich gerade vergessen habe, zu meiner E-Bike-Liebe.

Das gleiche gilt für Einkäufe. Wir zogen um. Um die Lebensmittelläden zu erreichen, geht es jetzt erst ziemlich runter und dann vor allem wieder ein gutes Stück hoch. Mit normalem Velo, Kinderanhänger und Einkäufen kam man da sehr ins Schwitzen. Darum erledigten wir die Einkäufe mit dem Auto. Auch nicht lässig.

Die schönsten der grossen Schweizer Alpenpässe

Mit dem E-Bike können wir das jetzt wieder velofahrend erledigen – und müssen danach nicht duschen. Weil: Man schwitzt gar nicht. Ach ja: Wir kauften ein Bike, das meine Frau und ich benutzen können. Quasi ein Familien-E-Bike.

«... und nochher sägets ‹IcH hA ä VeLoToUr GmAcHt›.»

Vorwürfe und Aussagen meiner Kollegen, deren Namen ich gerade vergessen habe, zu meiner E-Bike-Liebe.

Und der letzte Grund: Unser neues Heim liegt etwas weiter weg von meinem Arbeitsort. Genauer gesagt 35 Kilometer weg vom Büro. Früher radelte ich gerne ab und zu die halb so lange Strecke zur Arbeit. Aber 35 Kilometer würden mir mit meinem normalen Mountainbike zu lange dauern. Mit dem E-Bike schaffe ich einen Weg in knapp 1:15 Stunden. Das ist zumutbar. Am schlimmsten sind aber die Sprüche und Blicke meiner Arbeitskollegen, wenn sie das Velo sehen.

«Und diä mit dä 45er fahret au wie richtigi A£§7&%!ç*£". Rücksichtslosi Rüpel. Midlifecrisis, aber so armseligi Type, dass nöd mol Geld für ä Harley händ.»

Vorwürfe und Aussagen meiner Kollegen, deren Namen ich gerade vergessen habe, zu meiner E-Bike-Liebe.

Denn jetzt kommt der springende Punkt, warum ich die Welt klarer sehe als vorher. Warum ich nie wieder sagen würde, dass «E-Bike» und «Anstrengung» nicht in einem Satz gemeinsam verwendet werden dürfen. Warum die Sprüche und Blicke meiner Arbeitskollegen völlig unnötig sind.

Mein E-Bike unterstützt mich bis 25 km/h (tatsächlich 1-2 km/h mehr). Jeder regelmässige Rennvelofahrer weiss: Geht es geradeaus, erreicht man mühelos eine Geschwindigkeit von 30 km/h. Das E-Bike hilft mir also sowieso nur beim Antritt und wenn es bergauf geht. Dann gilt, wie mein Arbeitskollege richtig sagt: «Ei mol halbe trampe und das Ding fahrt dä Berg uf wie es Töffli.» (hach, wie ich dieses Gefühl liebe)

E-Bike ist nicht gleich E-Bike

Es gibt bei den E-Bikes verschieden starke Motoren. Entweder das Motörli unterstützt bis 25 km/h oder bis 45 km/h. Bei den 25ern gilt man weiterhin als Velo und es gelten die gleichen Regeln wie beim normalen Velo. Beim 45er gilt Helmpflicht, ein gelbes Nummernschild, der Rückspiegel ist obligatorisch und es gilt Fahrausweis- und Fahrzeugausweispflicht. Zudem darf man sich nicht auf Wanderwegen bewegen, Fahrverbot für Motorfahrräder (Töffli) muss eingehalten werden. Im Ausland darf man teilweise auch die Radwege nicht benutzen.

Wenn ich ins Büro fahre, mache ich das mit einem Schnitt von etwas über 27km/h. Die Unterstützung beim E-Bike hilft da nichts mehr. Mit anderen Worten: Über einen Grossteil der Strecke fahre ich ohne Unterstützung – dafür aber mit einem 20 Kilogramm schweren Drahtesel – vom Töffli-Gefühl weiter entfernt als Lance Armstrong von dopingfreiem Radsport.

«Argh, diä Vollvisier-Helm. Wie wenn dä Dani Mahrer plötzli eine uf Alex Zülle macht.»

Vorwürfe und Aussagen meiner Kollegen, deren Namen ich gerade vergessen habe, zu meiner E-Bike-Liebe.

Gegen Rennvelofahrer hat man da keine Chance. Und falls ich doch mal einen überhole, der sich dann ärgert, dann muss ich sagen: Hör erst hin, ob mein Motörli läuft. Tut es das – fluche. Tut es das nicht – ziehe den Hut. Denn mit einem Hightech-Federliechte-Spielzüg-Rennerli sollte man sich geradeaus nie von einem E-Bike überholen lassen.

Bei diesen 10 Velotouren wünscht du dir ein E-Bike

Ich bin nach meinem Arbeitsweg auf jeden Fall völlig verschwitzt und muss duschen. Okay, vielleicht ist mein normales E-Bike auch nicht dafür gemacht, dass man damit versucht, so schnell wie möglich 35 Kilometer zurückzulegen. Doch das ist ein anderes Thema.

«Ich kann kein E-Bike kaufen, weil ich sonst auch so ein M&*£ werde.»

Vorwürfe und Aussagen meiner Kollegen, deren Namen ich gerade vergessen habe, zu meiner E-Bike-Liebe.

Es ist allerdings auch nicht so, dass ich nur noch mit dem E-Bike unterwegs bin. Ich benutze es nur in den oben erwähnten Fällen (bisher zumindest, haha). Auf einer kürzlichen Weekendvelotour stieg ich aufs Rennvelo. Das Gefühl, aus eigener Kraft den Pass bezwungen zu haben, das wird man auf einem E-Bike nie erleben. Das Brunnenwasser unterwegs schmeckt mit einem «normalen» Velo immer besser und die Genugtuung nach 100 Kilometern am Tag ist immer grösser. Darum werde ich auch in Zukunft beide Velos nutzen, aber nie mehr würde es mir in den Sinn kommen, über E-Bike-Fahrer zu lästern.

Und ja, ich meine 25er E-Bikes. Denn ich wollte schon noch etwas sportliche Betätigung und kein 45er. Denn klar ist: Das sind wirklich «fuuli Cheibe». So ein Velo würde ich mir nie kaufen. Nie. Ehrlich.

PS: Falls jemand noch immer noch spottet. Du bist eingeladen mit mir und einem 25er-E-Bike deiner Wahl meinen Arbeitsweg abzufahren.

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306 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Sharkdiver
11.08.2020 12:51registriert March 2017
Geiler Text👍🏻
Ich habe mir ein 45km/h Bike gekauft als PW Ersatz zum Pendeln. Kann im Büro nicht Duschen. Hinfahrt Volldampf und volle Unterstützung. Bin so schneller als im Auto oder ÖV am Ziel. Heimfahrt Unterstützung runter und voll in die Pedale 😅 macht Riesenspass
Vorteile:
Kein schweres Auto für 1 Person zum Pendeln
Effizient unterwegs
Nicht auf 30min Takt angewiesen und kann mal noch was 5 Minuten fertig machen ohne den Zug zu verpassen
Kein Stau
Trotzdem Bewegung gehabt
WIN WIN WIN Situation 😘
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ein_dicken_huhn
11.08.2020 12:33registriert April 2020
Ein E-Bike kaufen und dann damit den Arbeitsweg hauptsächlich mit Muskelkraft zurückzulegen ist schon ein bisschen "Bireweich", nicht?
Nichts gegen E-Bikes. Gerade für Pendler mit Arbeitsweg 20-50km eine sehr gute Alternative zu Auto oder ÖV.
Ich sehe auf meinen Velotouren immer wieder ältere Paare die mit dem E-Bike eine Tour machen, die ohne Motor kaum möglich wäre. Ist doch auch eine gute Sache.
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Hans12
11.08.2020 12:17registriert September 2019
Neulich im hochalpinen Gelände. Ein fussbreiter Weg an einer sehr engen und abschüssigen Stelle. Von hinten kommt ein E-Mountainbike klingelnd daher. Ein Ausweichen nicht möglich. Als ich der Dame einigermassen anständig gesagt habe, sie solle doch kurz absteigen, hat mich diese zusammengeschissen und gesagt, ich solle es doch mal mit Tolaranz versuchen. Es zeigt nicht nur, welches Konfliktpotential die Dinger bergen, sondern auch, was manch eine unter Toleranz versteht. Und von den Landschaftsschäden im hochalpinen Gelände fange ich jetzt gar nicht an...
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