DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Daniel Kalt, UBS chief economist Switzerland, responsible for UBS Switzerland's research publications for private and corporate clients, pictured on January 5, 2012, in Zurich. Kalt regularly holds presentations on a wide spectrum of topics at UBS client events and seminars, and appears on Swiss TV, radio stations and in print media. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

«Die Nationalbank hat die Masseneinwanderungs-Initiative bereits umgesetzt»: UBS-Chefökonom Daniel Kalt. Bild: KEYSTONE

Daniel Kalt, UBS-Chefökonom

«Die Schweiz droht, ihr Image als stabiler, berechenbarer Wirtschaftsstandort zu verlieren»

Der Frankenschock werde unsere Wirtschaft an den Rand einer Rezession bringen. So lautet die Prognose der UBS. Chefökonom Daniel Kalt sagt, warum wir trotzdem auf hohem Niveau jammern, und weshalb dies politisch zu einer skurrilen Situation führen könnte.



Sie rechnen wegen der Aufgabe des Mindestkurses mit 1,3 Prozent weniger Wachstum im laufenden Jahr. Ein happiger Einbruch.
Daniel Kalt: Wir gehen immerhin noch davon aus, dass die Schweizer Wirtschaft weiter wachsen wird. Andere sind da pessimistischer. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH beispielsweise geht von einer Rezession aus. 

Trotzdem: Grosse Sprünge wird die Schweizer Wirtschaft nicht machen, wenn Sie Recht haben sollten.
Wir werden uns am Rand einer Rezession bewegen, vielleicht sogar in eine leichte Rezession fallen. Das Schlimmste ist die Unsicherheit. Fehlende Planungssicherheit führt dazu, dass die Unternehmen zögern zu investieren. 

Dabei könnte man auch argumentieren: Dank der Schweizerischen Nationalbank (SNB) sind wir alle über Nacht gegen 20 Prozent reicher geworden.
Leider ist das eine theoretische Betrachtung. Das würde stimmen, wenn wir ab sofort nur noch im Ausland einkaufen würden. Es trifft jedoch zu, dass wegen des Importdrucks die Preise allgemein fallen werden, aber nur wenig. Wir rechnen für das laufende Jahr mit einer negativen Teuerung, oder einer Deflation, von rund einem Prozent. 

«Wir werden uns am Rand einer Rezession bewegen, vielleicht sogar in eine leichte Rezession fallen.»

Daniel Kalt, UBS-Chefökonom

Zentralbanker fürchten Deflation wie der Teufel das Weihwasser. Müssen wir uns Sorgen um die Schweiz machen?
Ökonomen unterscheiden zwischen einer bösartigen und einer gutartigen Deflation. Die gutartige ist harmlos und entsteht, wenn die Wirtschaft grosse Produktivitätsfortschritte macht. Bösartig ist die Deflation, wenn sie das Resultat einer allgemeinen Verunsicherung in einer tiefen Krise ist, wenn Unternehmen nicht mehr investieren und Konsumenten nicht mehr konsumieren.

Welche Art von Deflation haben wir?
Sicher keine bösartige. Wir haben trotz des Frankenschocks de facto Vollbeschäftigung und die Konsumentenstimmung ist nach wie vor gut.

Ein Arbeitsloser liest am 20. August 2010 am Hauptbahnhof in Zuerich den Stellenanzeiger. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) === GESTELLTE AUFNAHME ===

Der Griff zum Stellenanzeiger sollte in der Schweiz trotz einer leichten Rezession die Ausnahme bleiben. Bild: KEYSTONE

Einige Unternehmer verlangen bereits eine Verlängerung der wöchentlichen Arbeitszeit. Wie sinnvoll wäre das?
Diese Diskussion hatten wir bereits 2011. Damals rasselte der Euro von 1.50 auf die Parität zum Franken runter. Wenn die Auftragsbücher voll sind, kann man mit längeren Arbeitszeiten den starken Franken teilweise kompensieren. Wenn Sie aber keine Aufträge haben, hilft das nicht weiter. Dann müssen Sie Kurzarbeit einführen.

Müssen auch wir bald mit einer massiven Zunahme der Arbeitslosigkeit rechnen?
Nein. Wir gehen von einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 3,6 Prozent aus. Im Vergleich zu anderen Ländern ist das aber immer noch paradiesisch. Wir jammern auf hohem Niveau. 

«Wir haben trotz des Frankenschocks de facto Vollbeschäftigung und die Konsumentenstimmung ist nach wie vor gut.»

Daniel Kalt, UBS-Chefökonom

Sie rechnen mittelfristig gegenüber dem Euro mit einem Frankenkurs von 1.05. Bis vor kurzem lag dieser Kurs bei 1.20. Kann die Wirtschaft das einfach so wegstecken?
Schon bei einem Kurs von 1.20 sprachen viele von einer Katastrophe. Sie ist ausgeblieben. Die Unternehmen haben sich schnell angepasst, und wir haben über Jahre eine Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften in der Höhe von durchschnittlich 80'000 Menschen gehabt. Um diese Zuwanderung einzudämmen, haben wir jetzt sogar einer Masseneinwanderungs-Initiative zugestimmt. Eigentlich ist das paradox.

Apropos Masseneinwanderungs-Initiative: Die UBS hat im letzten Herbst eine eher pessimistische Studie veröffentlicht, was ihre Umsetzung betrifft. Wie beurteilen Sie die Lage heute?
Was mir nicht so gefällt, ist die Tatsache, dass die Schweiz ihr Image als stabiler, berechenbarer Wirtschaftsstandort generell zu verlieren droht. Wir erleben eine Flut von Volksinitiativen, die für die Wirtschaft verunsichernd sind. 

ZUR MELDUNG, DASS DIE GRUPPIERUNG „GENERATION GRUNDEINKOMMEN“ KEINEN KAEUFER FUER DIE ACHT MILLIONEN FUENFRAEPPLER GEFUNDEN HAT, STELLEN WIR IHNEN AM SAMSTAG, 26. JULI 2014, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG -   Passanten erfreuen sich an 8 Millionen 5-Rappen-Stuecken im Wert von 400'000 Schweizer Franken und mit einem Gewicht von 15 Tonnen auf dem Bundesplatz, am Freitag, 4. Oktober 2013, in Bern. Diese Aktion fand anlaesslich der Unterschriftenuebergabe der Initiative

Die Initianten des Grundeinkommens feiern auf dem Berner Bundesplatz. Bild: KEYSTONE

Woran denken Sie? 
An die Initiativen zu Grundeinkommen, Erbschaftssteuer, etc. Das wären alles heftige Veränderungen der Rahmenbedingungen. Bereits jetzt lässt das Interesse der Ausländer am Wirtschaftsstandort Zürich spürbar nach. 

Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Wir haben eh keinen Platz mehr ...
Wir haben derzeit einen relativ hohen Bestand an leeren Büro- und Gewerberäumen.

Kehren wir zur Masseneinwanderungs-Initiative respektive deren Umsetzung zurück. Sie waren im Herbst sehr skeptisch, dass sie innert drei Jahren umgesetzt werden kann. Haben die nun veröffentlichten Pläne des Bundesrates etwas daran geändert?
Wir könnten in eine äusserst skurrile Situation geraten, nämlich dass wir 2017 wieder ein Quotensystem einführen, das eventuell die Aufhebung der bilateralen Verträge zur Folge hätte, um dann festzustellen, dass wir uns den ganzen Ärger auch hätten sparen können.

Weshalb?
Weil die Schweizerische Nationalbank mit der Aufhebung des Mindestkurses die Masseneinwanderungs-Initiative bereits umgesetzt hat. Sie hat dafür gesorgt, dass das Wirtschaftswachstum so weit gebremst wird, dass wir uns – überspitzt formuliert – nicht mehr Sorgen um eine Masseneinwanderung, sondern um eine Massenauswanderung machen müssen.

«Schon bei einem Kurs von 1.20 sprachen viele von einer Katastrophe. Sie ist ausgeblieben.»

Daniel Kalt, UBS-Chefökonom

Müssen wir, so gesehen, nochmals über die Masseneinwanderung abstimmen?
Der Bundesrat hält sich strikt an den Text der Initiative (Quoten, Inländerbevorzugung). Doch der Konflikt zwischen innenpolitischen Interessen und aussenpolitischer Machbarkeit bleibt bestehen. Bis jetzt gibt es keine Anzeichen, dass die EU gewillt ist, über die Personenfreizügigkeit neu zu verhandeln.

Wie wichtig sind die bilateralen Verträge wirklich, und wird die EU sie nötigenfalls dem Prinzip der Personenfreizügigkeit opfern?
In dieser Frage eine Prognose abzugeben ist enorm schwierig. Nicht nur die Schweiz will neu verhandeln, sondern auch Grossbritannien. Die EU wird jedoch uns wohl keine Zugeständnisse machen, die sie den Briten verweigert. Solange die Situation mit dem Vereinigten Königreich nicht geklärt ist, wird sich die EU daher nicht bewegen, selbst dann nicht, wenn sie grundsätzlich gewillt wäre.

Kleinstaaten wie die Schweiz haben lange von der politischen Grosswetterlage profitiert. Doch nun hat sich das massiv verändert. Luxemburg gerät wegen tiefer Steuern unter Beschuss, und auch die Schweiz holt sich Mal für Mal eine blutige Nase.
Wir leben in einer Welt, in der eine Tendenz herrscht, die Spielregen zu vereinheitlichen, sei es bei den Währungen oder bei den Steuern. Die Diskussion darüber ist mehr philosophisch als ökonomisch oder politisch.

Inwiefern?
Wirtschaftsräume sollten die Freiheit haben, möglichst vielfältig und eigenständig zu sein. Es ist wie in der Natur: Es braucht Biodiversität. Monokultur ist nicht nur langweilig, sie ist auch gefährlich. Bei einer Panne besteht die Gefahr, dass alles kaputtgeht.

Biodiversität in Ehren. Das ändert nichts daran, dass in der politischen Praxis Sonderzüglein nicht mehr toleriert werden, auch von der Schweiz nicht.
Ja, es wird immer schwieriger, sich zwischen den Machtblöcken hindurch zu manövrieren. 

«Ich halte einen Austritt von Griechenland aus der Eurozone – allen negativen Meldungen zum Trotz – für wenig wahrscheinlich.»

Daniel Kalt, UBS-Chefökonom

Und das führt zu grotesken Resultaten: Christoph Blocher bemüht inzwischen gar die Griechen als Vorbild.
Macht er das tatsächlich? Nun, die Freiräume werden enger. Der Schweiz würde es sehr viel besser gehen, wenn beispielsweise im Handelsbereich die Spielregeln im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO weiterentwickelt würden. Stattdessen stellen wir fest, dass die grossen Machtblöcke USA, Asien und Europa vermehrt Handelsabkommen untereinander abschliessen – und wir aussen vor bleiben.

Die Europäische Zentralbank hat sich nun auch entschieden, mit billigem Geld die Wirtschaft anzukurbeln. Was halten Sie davon?
Die Amerikaner haben dieses Quantitative Easing auch gemacht. Nur haben sie es sehr schnell und sehr aggressiv getan, und sie hatten damit Erfolg. Die Amerikaner haben einen Präsidenten, einen Finanzminister und einen Notenbankchef. Darum hat es funktioniert. In Europa ist das alles viel komplizierter. Daher fürchte ich, dass das Vorgehen der EZB «zu wenig und zu spät» sein könnte, wie es im Amerikanischen heisst. Aber es ist noch zu früh, um das zu beurteilen.

Ist die Lage in Europa so schlimm, wie sie oft dargestellt wird?
Das Öl ist billig geworden, der Euro ist gegenüber dem Dollar von 1.40 auf 1.12 gefallen: Es gibt durchaus Faktoren, die Anlass zur Hoffnung geben. Auch die jüngsten Zahlen aus Deutschland sind viel besser ausgefallen als erwartet. 

Wie lautet Ihre Prognose?
Wir gehen davon aus, dass das Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent des BIP im letzten Jahr auf 1,2 Prozent ansteigen wird. Das ist noch zu wenig, aber immerhin stimmt die Richtung. 

Trotz Griechenland-Krise?
Ich halte einen «Grexit», einen Austritt von Griechenland aus der Eurozone – allen negativen Meldungen zum Trotz – für wenig wahrscheinlich. Jetzt wird einfach hoch gepokert. Der eigentliche Fehler wurde mit der Einführung des Euro gemacht. 

Managing Director of the International Monetary Fund Christine Lagarde, left, shakes hands with Greek Finance Minister Yanis Varoufakis during a meeting of eurogroup finance ministers in Brussels on Wednesday, Feb. 11, 2015. Leading European officials downplayed expectations that a comprehensive debt deal with Greece is likely Wednesday at an emergency meeting in which Greece’s finance minister is set to unveil a plan to loosen austerity’s grip on his economy. (AP Photo/Virginia Mayo)

Der griechische Finanzminister Giannis Varoufakis mit IWF-Direktorin Christine Lagard. Bild: Virginia Mayo/AP/KEYSTONE

Dieses Kind ist auf der Welt. Es hilft wenig, der Mutter jetzt nachträglich noch Verhütungstipps geben zu wollen.
Daher muss sich die EU heute fragen, ob sie eine Föderation wie die Schweiz werden will. Bisher sagen die Deutschen nein.

Wie optimistisch sind Sie insgesamt?
2011 ist der Frankenschock in eine Phase geraten, in der die Weltwirtschaft sich kräftig erholt hat. Darum konnte dieser Schock auch relativ problemlos bewältigt werden. Diesmal ist die Ausgangslage schwieriger: Die amerikanische Volkswirtschaft wächst zwar kräftig, es ist aber möglich, dass sie sich bereits dem Ende dieses Wachstumszyklus nähert. Wenn wir Glück haben, hat dafür Europa endlich seinen Schwächeanfall überwunden. 

Und wenn nicht?
Sollte Europa erneut in eine Rezession fallen und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum in den USA erlahmen, könnte es schwierig werden. 

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

«Schäme mich für diese unglaubliche Unachtsamkeit»: Darum tritt Lachappelle zurück

Er wollte nach den Skandalen von Pierin Vincenz alles besser machen. Doch jetzt muss Guy Lachappelle als Verwaltungsratspräsident der Raiffeisen nach nur zweieinhalb Jahren wieder gehen. Zum Verhängnis wurde ihm unter anderem eine Liebesaffäre, die schlecht geendet hat.

Er war angetreten als Saubermann, als bescheidener Kantonalbanker, der die angeschlagene Reputation der Raiffeisen-Gruppe nach den wilden Pierin-Vincenz-Jahren wiederherstellen wollte.

Und Guy Lachappelle hat nach seiner Wahl zum Verwaltungsratspräsidenten der Raiffeisen im November 2018 das gemacht, was man von ihm erwartet hatte: Er brach mit allem radikal, was Vincenz vorgelebt hatte – auf geschäftlicher wie auch auf symbolischer Ebene. Er hat die alten Weggefährten des langjährigen …

Artikel lesen
Link zum Artikel