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ARCHIVBILD ZUR MELDUNG, DASS FLORENCE SCHELLING SPORTCHEFIN BEIM SC BERN WIRD --- Florence Schelling, ehemalige Schweizer Eishockey-Nationaltorhueterin, in ihrer neuen Funktion als Assistant Coach beim Spiel der Schweizer Damen U18 Eishockey Nationalmannschaft gegen Russland, aufgenommen am Donnerstag, 23. August 2018, in St. Gallen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Florence Schelling fragte sich: «Traue ich mir das zu?» Bild: KEYSTONE

Florence Schelling: So waren meine ersten Tage als SCB-Sportchefin

Ich war mir bewusst, dass meine Ernennung als Sportchefin einigen Wirbel auslösen würde, schliesslich bin ich die erste Frau weltweit auf dieser Position im Eishockey-Business. Das Ausmass überraschte dennoch.

florence schelling / ch media



Vielleicht hat dieser Telefonanruf mein Leben verändert. Gerade hatte ich meine letzte Kolumne fertig geschrieben und machte mich ans Mittagessen, als ich auf dem Handy sah, dass mich Marc Lüthi erreichen wollte. Bevor ich ihn zurückrief, dachte ich, er wollte etwas wissen über den «Girls Hockey Day», den ich jeweils veranstalte. Wollte er nicht.

Sportchefin des SC Bern also. Tausend Fragen schwirrten mir durch den Kopf. Traue ich mir das zu? Wie steht es um meine Gesundheit? Zweifel hatte ich nicht. Ansonsten wäre ein Scheitern vorprogrammiert. Doch wegen meines Genickbruchs im Winter 2019 darf meine Arbeitsbelastung zurzeit 50 Prozent nicht überschreiten. Geht das als Sportchefin?

Die Ärzte geben mir grünes Licht. Also sage ich zu. Ich erinnere mich zurück an die Worte eines Arztes, der mir schon Ende des letzten Jahres prophezeite: «Sobald du eine neue, sinnstiftende Lebensaufgabe hast, wird dein Körper noch einmal grosse Fortschritte machen.» Nun plane ich Woche für Woche – in der Hoffnung, dass ich im August dann fulltime arbeiten kann. Ich weiss: Es wird auch jetzt Tage geben, an denen ich mich nicht nur gut fühle. Aber wer kann das schon von sich behaupten – auch ohne Unfall oder Krankheit?

Ich war mir bewusst, dass meine Ernennung als Sportchefin einigen Wirbel auslösen würde, schliesslich bin ich die erste Frau weltweit auf dieser Position im Eishockey-Business. Dazu steht der Sport wegen Corona derzeit weltweit still. Das Ausmass hat mich dann aber trotzdem überrascht und überwältigt.

Mein Handy ist explodiert. Ich erhielt tausende Reaktionen, auch viele internationale. Besonders berührt hat mich, dass sich auch viele Frauen bei mir gemeldet haben, die ich gar nicht kenne. Jemand schrieb mir: «Als meine Tochter die Nachricht ihrer Ernennung sah, ist sie zu mir gekommen und hat gesagt: ‹Mami, später werde ich auch einmal Sportchefin!› Schön, dass Sie ein Vorbild sind für viele Mädchen!» Innert den ersten zwei Tagen gab ich 33 Interviews. Einige Sätze habe ich mit der Zeit auswendig runtergerattert.

Gab es auch kritische Stimmen über meine Ernennung? Natürlich. Mein Geschlecht, mein Alter – das nehmen vereinzelt ein paar Beobachter zum Anlass, um auszuteilen. Ist das ein Problem? Nein. Denn damit ist jede Person des öffentlichen Lebens konfrontiert. Ich habe auch als Sportlerin Erfahrungen mit kritischen Kommentaren gemacht. Ich denke, es wird mir auch jetzt gelingen, solche Stimmen zu ignorieren.

Ich lasse mich coachen

Eines ist für mich in diesem neuen Job entscheidend: Mir ist bewusst, dass ich vieles lernen werde, ja lernen muss. Ja, ich habe eine langjährige, facettenreiche Eishockey-Karriere hinter mir. Ja, ich habe viele Kontakte im Business. Trotzdem gehe ich nicht mit der Einstellung an die Sache, alles besser zu wissen – das wäre fatal. Darum habe ich mich auch bewusst entschieden, mich coachen zu lassen. Ich habe einen langjährigen Bekannten als persönlichen Trainer engagiert. Und ich möchte mir zwei oder drei Mentoren aufbauen aus der NHL.

Auch von der besten Eishockey-Liga der Welt haben mich schon einige General Managers kontaktiert. Geschrieben haben mir aber auch einige Frauen in Führungspositionen aus anderen Branchen. Mit der Message: «Melde dich einfach, wenn du etwas wissen möchtest.» Ich werde gerne auf guten Rat hören. Und mir diesen auch aktiv einholen.

Mein erster Arbeitstag war der Dienstag nach Ostern. Ich bin nach Bern gefahren, habe meinen Koffer in der vorübergehenden Wohnung deponiert und bin ins Büro bei der Postfinance-Arena gefahren. Irgendwie war es komisch. Ich hätte mich dem Team gerne persönlich vorgestellt, einige Worte gesagt. Sich kennen lernen aus der Distanz ist ungewohnt, aber so ist es nun einmal.

Die Botschaft, dass ich nun offiziell angefangen habe und mich sehr auf die Aufgabe freue, musste nun halt virtuell ankommen. Ich werde die Spieler und Mitglieder des Staffs alle bei einem Einzelgespräch kennen lernen. Es ist mir wichtig, mir für jeden Einzelnen diese Zeit zu nehmen. Die ersten Gespräche durfte ich bereits führen. Und letzte Woche hatten wir ein erstes Team-Video-Meeting.

Was, wenn der neue Trainer nicht aus der Schweiz kommt?

Unsere erste grosse Entscheidung wird die Ernennung des künftigen Trainers sein. An möglichen Kandidaten mangelt es uns nicht. Es haben sich schon einige Agenten bei mir vorgestellt und ihre Trainer- sowie Spieler-Dossiers deponiert. Doch zurzeit ist wegen Corona vieles unklar. Falls der Trainer nicht aus der Schweiz kommt, wann könnte er herfliegen und zu arbeiten beginnen?

Auch der Alltag ist wegen des Virus ziemlich unberechenbar. Was heute gilt, kann morgen bereits wieder anders sein. Gerade beschäftigt mich, wie und wann wir mit unserem Sommertraining starten können. Jedenfalls ist mir schon nach zwei Wochen klar: Ich werde es nicht erwarten können, bis es endlich losgeht auf dem Eis. Auch wenn wir als Gesellschaft derzeit mit ganz anderen, lebenswichtigen Problemen zu kämpfen haben.

Florence Schelling

Florence Schelling, 31, ist Sportchefin beim SC Bern, trägt Olympia-Bronze und schaut in der Freizeit gerne Tennis oder Skirennen. Sie schreibt im Wechsel mit Steffi Buchli, Sarah Akanji und Céline Feller jeden Samstag über verschiedene Themen aus der Welt des Sports.

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