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Switzerland's Lino Martschini, right, cheers after scoring during the penalty shoot-out of the Ice Hockey Deutschland Cup match between Germany and Switzerland at the Koenig Palast stadium in Krefeld, Germany, on Saturday, November 10, 2018. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Lino Martschini täuschte den Torhüter und lupfte die Scheibe auf der Stockhandseite ins Tor. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Ein grosser Sieg gegen Deutschland – ist Lino Martschini am Ende doch nicht zu klein?

Die Schweiz taumelt zwischen Traum und Trauma ins Penaltyschiessen und feiert einen grossen Sieg gegen Deutschland (4:3 n.P.). Ein freundlicher Riese und ein Zauberzwerg spielten die entscheidende Rolle.



Es ist einer dieser Augenblicke, in denen wir verstehen, warum Kanadas Nationaldichter Al Purdy Eishockey als «eine Mischung aus Ballett und Mord» bezeichnet hat.

Nach 60 Minuten plus 5 Minuten Verlängerung steht es zwischen Deutschland und der Schweiz beim Deutschland Cup 3:3. Penaltyschiessen. Lino Martschini, der «Zauberzwerg», der Kleinste von allen, läuft an. In unnachahmlicher Eleganz und Leichtigkeit gleitet er übers Eis, täuscht den Torhüter und lupft die Scheibe auf der Stockhandseite ins Tor.

Der Bann ist gebrochen. Als nächstes wird Yannick Herren treffen. Die Entscheidung. Torhüter Lukas Flüeler, der freundliche Riese (192 cm), lässt sich nicht bezwingen, die Schweizer gewinnen das Penaltyschiessen 2:0 und die Partie somit 4:3 nach Penalty.

So ist das moderne Hockey: Die Torhüter werden immer grösser, die Stürmer immer kleiner. Früher, in den rauen Zeiten vor der «Nulltoleranz» bei der Regelauslegung, war es eher umgekehrt.

Finale wie ein Feuerwerk 

Um ein Haar wäre die Entscheidung in einem dramatischen Spiel bereits in den letzten Sekunden der Verlängerung gefallen. Aber da scheiterte Lino Martschini, als er den Gegenspielern schon davongeflogen war, noch am gegnerischen Goalie.

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Martschini bereitet auch das 1:1 von Yannick Herren vor. Video: streamable

Ein Finale wie ein Feuerwerk also für Zugs Topskorer. Ganz zufrieden war er trotzdem nicht. Im Spiel habe er zu wenig Torchancen kreiert. Dafür klappte es mit dem Penalty. Und das ist keineswegs selbstverständlich. Zuletzt war er beim Spiel mit Zug in Ambri im Penaltyschiessen zweimal gegen Benjamin Conz gescheitert. Zug gewann trotzdem 3:2 n.P.

Der Königpalast zu Krefeld ist nicht die Valascia. Diesmal war er ziemlich sicher, dass es funktionieren würde. «Ich habe gesehen, dass der Goalie auf der Fanghand sehr stark ist. Also wusste ich, dass ich es auf seiner Stockhandseite versuchen muss. Ich wusste von allem Anfang an genau, was ich tun wollte.»

Wer zum Penalty anzutreten hat, war nicht zum vornherein klar. «Patrick Fischer entscheidet nach Bauchgefühl. Er hat mir einfach einen Schubs gegeben und mich losgeschickt.»

Es gehört zu den «ewigen Streitfragen» unseres Hockeys: Ist Lino Martschini mit 168 Zentimetern und 66 Kilo zu klein und zu leicht für internationales Hockey? Für ein Spiel mit grimmig entschlossenen Männern in ritterähnlichen Ausrüstungen, die in der Regel grösser als 180 Zentimeter und 80 Kilo sind?

Die Nummer-1-Drafts seit 1984 und was sie daraus machten

Lino Martschinis Kritiker lassen nicht gelten, dass er doch Zugs Topskorer ist. Das sei eben das offene, schnelle, weniger raue Liga-Hockey. Sie verweisen gerne auf seine bisher einzige WM-Teilnahme 2016 in Moskau. Da konnte er sich nie in Szene setzen (vier Spiele / ein Assist).

Aber leicht geht vergessen: Es war Patrick Fischers erste WM und das Spiel der Schweizer noch wild und wenig strukturiert («Pausenplatz-Hockey»). Doch inzwischen ist es dem Nationaltrainer gelungen, seine damals noch revolutionäre, moderne Hockeyphilosophie auf eine begeisternde Art und Weise umzusetzen und im letzten Frühjahr bis ins WM-Finale zu stürmen. Lino Martschini musste wegen einer Handverletzung im Frühjahr 2018 bereits auf die WM-Vorbereitung verzichten. Wer weiss, vielleicht wäre Kopenhagen sonst auch sein Turnier geworden. «Noch einmal an die WM ist mein ultimatives Ziel», sagt der Grossbub der Turnerlegende Ludek Martschini. «Ich weiss, was Patrick Fischer verlangt, und er weiss, was er von mir bekommt.»

Mischung aus Traum und Trauma 

Nun hat er nicht seine beste Partie gespielt und doch einen ganz wesentlichen Anteil an einem grossen Sieg gegen Deutschland. Mit dem Assist zum 1:1 und dem verwerteten Penalty. Die WM 2019 in Bratislava bleibt für ihn ein Thema. Gleiches gilt für Lukas Flüeler: Als Sieger über Deutschland bleibt er im Rennen um die Plätze im WM-Team. Gegen Russland spielt heute (11.00 Uhr) Gilles Senn im Tor, bei der Silber-WM in Kopenhagen die Nummer drei.

Dass es überhaupt zu einem Penaltyschiessen kam, lag an einer Mischung aus Traum und Trauma: 50 Minuten lang zelebrierten die Schweizer internationales Traumhockey. So wie es Patrick Fischer verlangt. Natürlich nicht fehlerfrei. «Null Fehler» gibt es höchstens bei der Fahrprüfung.

Die Schweizer lösten sich mit präzisen Pässen aus der eigenen Zone, sie schalteten blitzschnell von Verteidigung auf Angriff, sie jagten in der gegnerischen Zone die Gegenspieler und die Scheibe. Für die Deutschen ging alles ein bisschen zu schnell.

Erst in der Schlussphase, als die Schweizer im Bestreben, das 3:1 über die Zeit zu bringen, passiver wurden, kehrten sie ins Spiel zurück. Mit Wucht und Kraft und letztem Willen, mit deutschen Tugenden halt und mit einem sechsten Feldspieler für den Torhüter schafften sie 41 Sekunden vor Schluss doch noch den Ausgleich zum 3:3. Das Deutsche Trauma: Eishockey ist, wenn am Ende doch die Deutschen gewinnen. Die drei letzten Partien hatten wir gegen unseren Erzrivalen verloren. Zwei davon in der Verlängerung, die letzte beim olympischen Turnier (1:2 n.V.).

Aber dann tanzte Lino Martschini im Penaltyschiessen und alles war gut.

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Video: watson/Adrian Bürgler, Emily Engkent

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