Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
In Fraubrunnen (BE) grassierte 1919/1920 die Maul- und Klauenseuche. Der abgebildete «Seuchenbrief» wurde deshalb desinfiziert.
https://www.mfk.ch/home/

In Fraubrunnen (BE) grassierte 1919/1920 die Maul- und Klauenseuche. Der abgebildete «Seuchenbrief» wurde deshalb desinfiziert. Bild: Museum für Kommunikation

Desinfi­zier­te Briefe

Von Cholera bis Corona – Epidemien hatten stets auch Auswirkungen auf den Postbetrieb in der Schweiz. Ein Blick in die Archive der PTT zeigt, wie vergangene Krisensituationen bewältigt wurden.

Jonas Veress / PTT-Archiv



Während sich im Frühjahr 2020 Corona-bedingt Tausende im Homeoffice einbunkerten, gingen Schweizer Pöstler weiter täglich von Haus zu Haus. Die postalische Grundversorgung muss auch in Ausnahmesituationen sichergestellt werden. Um die Kontakte zu den Menschen zu minimieren und eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, wurden auch bei der Post Schutzkonzepte erstellt. Paketboten gingen in der Folge gestaffelt auf ihre Tour. Und wer eingeschriebene Post empfing, bemerkte möglicherweise, dass die sonst übliche Unterschrift aus hygienischen Gründen wegfiel.

Probleme bereitete die Krise der Post aber vor allem hinter den Kulissen: Abstandsregeln in Verarbeitungszentren bei gleichzeitig nie dagewesenen Paketbergen führten zeitweise zu Verzögerungen in der Zustellung. Grundsätzlich funktionierten Kommunikation und Transport über den Postweg in der Schweiz aber ohne grosse Einschränkungen; keine Selbstverständlichkeit, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Machtlos gegen die Grippe

Auch als sich die Spanische Grippe im Sommer 1918 über Europa ausbreitete, fürchtete man sich vor einer Verbreitung der Krankheit über die Postwege. Die Kreispostdirektionen ergriffen deshalb eine Reihe präventiver Massnahmen. Schon damals ging man wo immer möglich auf Abstand. So war es Pöstlern verboten, die Wohnungen von erkrankten Personen zu betreten. Auch die Empfehlungen zum häufigen Händewaschen oder Anordnungen zur regelmässigen Desinfektion von Diensträumen oder Bahnpostwagen erinnern an das Corona-Zeitalter. Heute nicht mehr zeitgemäss wäre dagegen ein ausdrückliches Ausspuckverbot auf den Boden – oder die allgemeine Empfehlung der Oberpostdirektion, «ruhiges Blut zu bewahren», da der Körper im Erregungszustand anfälliger für Infektionen sei.

Spanische Grippe – die Mutter aller Pandemien

Tatsächlich war, allen Massnahmen zum Trotz, gegen die Grippe kein Kraut gewachsen. Die Krankheit, die landesweit schätzungsweise 25'000 Menschenleben kostete, traf auch die Postdienste mit voller Härte. Die durch ihre Tätigkeit stark exponierten Pöstler fielen reihenweise aus: Insgesamt rund die Hälfte des gesamten Personals dürfte sich bis im Sommer 1919 mit der Grippe angesteckt haben. Trotz Einstellung zahlreicher Aushilfen – sogar Kinder wurden mancherorts zu Temporärpöstlern –, gelang es nicht überall, den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Im Juli 1918 weist die Oberpostdirektion ihre Kreise an, Grippefälle statistisch zu erheben. Das Bild zeigte eine entsprechende Tabelle aus der Kreispostdirektion Chur.
https://www.mfk.ch/ptt-archiv/

Im Juli 1918 weist die Oberpostdirektion ihre Kreise an, Grippefälle statistisch zu erheben. Das Bild zeigt eine entsprechende Tabelle aus der Kreispostdirektion Chur. Bild: PTT Archiv

Manche Poststellen mussten auf dem Höhepunkt der Pandemie zeitweise schliessen. Betroffen war unter anderem die Stadt Solothurn. Am 19. Oktober 1918 ging bei der Kreispostdirektion die Meldung ein, dass für die Aufrechterhaltung des Betriebs in der Poststelle Solothurn Industriequartier mindestens drei Beamte fehlen würden. Eine fieberhafte Suche nach Ersatz blieb erfolglos, zwei Tage später wurde die Poststelle geschlossen. Und selbst auf der Solothurner Hauptpost mussten die Öffnungszeiten reduziert werden.

Auch beim Fernmeldewesen fordert die Spanische Grippe ihren Tribut. In der Kreistelegrafendirektion Luzern werden die Personalressourcen knapp, wie das abgebildete Telegramm beweist.
https://www.mfk.ch/ptt-archiv/

Auch beim Fernmeldewesen fordert die Spanische Grippe ihren Tribut. In der Kreistelegrafendirektion Luzern werden die Personalressourcen knapp, wie das abgebildete Telegramm beweist. Bild: PTT Archiv

Nicht nur in Solothurn, sondern in der ganzen Schweiz blieben die Schrecken der Spanischen Grippe noch lange präsent. Bei der PTT hatten die einschneidenden Erfahrungen betriebliche Konsequenzen: Um für künftige Grippewellen besser gerüstet zu sein, informierte der in den 1920er-Jahren aus Post und Fernmeldewesen zusammengesetzte Staatsbetrieb seine Mitarbeitenden fortan regelmässig über Verhaltensweisen bei Influenza-Fällen. Erst 1943 wurde der Grippe-Paragraf aus den «Dienstlichen Mitteilungen» gestrichen.

Die Seuche und das liebe Vieh

Zumindest für die menschliche Gesundheit weit weniger gravierend war die Maul- und Klauenseuche, die in der Schweiz bis ins späte 20. Jahrhundert immer wieder ausbrach. Doch auch hier hatten Massnahmen zur Eindämmung der Krankheit jeweils erhebliche Auswirkungen auf den Postbetrieb. Beispielsweise 1920, als ein besonders verheerender Seuchenzug die Schweiz durchquerte: Betroffene Gebiete wurden damals als so genannte Bannzonen abgeriegelt, auch ganze Gemeinden waren betroffen. Ausgehende Post wurde desinfiziert sowie entsprechend gekennzeichnet. In Bern erliess der Kantonstierarzt für Banngebiete die Weisung, wertlose Korrespondenz sofort nach Erhalt zu verbrennen.

Mancherorts sorgte die Maul- und Klauenseuche aus heutiger Sicht für unvorstellbare Zustände, so etwa im bernischen Suberg: Da ein betroffener Bauer gleichzeitig auch Posthalter der Gemeinde war, wurde mit dem Bauernhof gleich auch das Postbüro samt Pöstler Baumann für drei Wochen unter Bann gesetzt. Eine temporäre Poststelle wurde daraufhin im örtlichen Schulhaus installiert, zum Briefträger kurzerhand der Landjäger bestimmt.

Poststellen in Bauernhäusern wie hier in Suberg waren im frühen 20. Jahrhunderts keine Seltenheit. Brach auf einem solchen Betrieb die Mau- und Klauenseuche aus, wurde auch die Post zum gebannt.
https://www.mfk.ch/ptt-archiv/

Poststellen in Bauernhäusern wie hier in Suberg waren im frühen 20. Jahrhundert keine Seltenheit. Brach auf einem solchen Betrieb die Maul- und Klauenseuche aus, wurde auch die Poststelle gebannt. Bild: PTT Archiv

Improvisieren war einige Monate später auch in der Seeländer Gemeinde Finsterhennen gefragt. Da das Dorf über keine eigene Poststelle verfügte, die Nachbarsgemeinde Siselen, wo sich die zugehörige Post befand, jedoch zur Bannzone erklärt wurde, musste eine temporäre Postablage geschaffen werden. Fündig wurde man wiederum im Schulhaus, die Postgeschäfte besorgte in diesem Fall jedoch der Dorflehrer. Wie der Landjäger in Suberg galt er als vertrauenswürdig genug, wenn es etwa um die Wahrung des Postgeheimnisses ging.

Bannzonen und Dorfpolizisten als Aushilfspöstler – auch wenn die Post gegenwärtig erneut durch eine Pandemie herausgefordert wird: Solch spektakuläre Massnahmen wie vor 100 Jahren waren bislang glücklicherweise nicht nötig.

Auch später sorgte die Maul- und Klauenseuche immer wieder für Einschränkungen im Postbetrieb. Die Aufnahme zeigt einen Briefträger bei der Zustellung in Root (LU) im Jahre 1966.
https://www.mfk.ch/home/

Auch später sorgte die Maul- und Klauenseuche immer wieder für Einschränkungen im Postbetrieb. Die Aufnahme zeigt einen Briefträger bei der Zustellung in Root (LU) im Jahre 1966. Bild: Museum für Kommunikation

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Desinfi­zier­te Briefe» erschien am 7. Oktober.
blog.nationalmuseum.ch/2020/10/desinfiszierte-briefe

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Momente, in denen der Pöstler einfach zu weit gegangen ist

Post will Partner in Filialen zulassen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Jakob Fischbacher*. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus Syrien …

Artikel lesen
Link zum Artikel